Bewertung zu TUI Operettenhaus Hamburg
sidiffiGesprochene Texte in Deutsch sind ok, aber Songs in Deutsch sind irgendwie befremdend, weil – für mich – Deutsch keine Musicalsprache ist. Sie kommt immer ein bisschen hölzern rüber, vor allem, wenn sie von Fremdsprachlern gesungen wird.
Aber wieder machte mein Süßer mir (eigentlich sich, der er ein Musical-Fan ist) ein Weihnachtsgeschenk, das wir gestern einlösten: Rocky in der Mitte der Reihe 11 im Parkett, also kurz hinter den Golden Circle Reihen, die für das Finale hinter den Boxring umquartiert wurden und dafür noch 30 € mehr zahlten. Das fand ich lustig: Da erfordert die Inszenierung, einen Teil der Bühne über die ersten Reihen des Zuschauerraums zu verlagern … und Leute zahlen noch extra für die Vertreibung ...
Den Plot von Rocky kennt hier wohl jeder, da brauche ich nicht mehr drauf einzugehen.
Was ich besonders mochte, war die Bühneninszenierung (vor allem nach der Pause und im final fight). Hier werden alle Dimensionen ausgereizt. Unglaublich, welche Dynamik durch das computergesteuerte fließende Einsetzen / Verschieben von Bühnenbildern erzeugt werden kann. Nicht nur verschiedene Höhen werden erzeugt, auch verschiedene Tiefen und Breiten. Real, Projektion, Regen, Schnee … oft war man sich nicht sicher. Wobei, bei dem Regen bin ich mir sicher, dass er real war … die Luft wurde plötzlich frischer und kühler.
Die Darsteller waren gut und zeigten in der 2. Hälfte auch ihre hervorragende Stimm- und passable Schauspielerqualität.
Lustig fand ich die beiden Bildschirme, die an den Balkonen des 1. Rangs angebracht waren. Sie zeigten immer einen Dirigenten in Aktion, aber nie das Orchester, das er (angeblich ?) dirigiert. Welche Funktion haben diese Bildschirme ? Für die Sänger ? Dafür sind sie ein bisschen klein geraten. Und für das Publikum sind sie nur sichtbar, wenn es sich umdreht. War da wirklich ein Orchester, wo auch immer oder nur ein Band ?
Der 1. Teil relativ spannungsarm und ich dachte mir schon: ‚War das die Reise nach HH wert?’. Allerdings baut sich die Spannung zum Ende des 1. Teils schon ein wenig auf.
Aber dann geht es richtig los. Rockies Trainings und der Finalkampf gegen Apollo sind gnadenlos gut umgesetzt. Das Spielen mit den verschiedenen Bühnendimensionen beim Training, die Rolle der Rundengirls, die der Kommentatoren … perfekt.
Da wird mit Farbpartikeln (vielleicht aus den Handschuhen) gearbeitet, die exakt die richtige Menge Rot auf Körperteile platzieren, um den Kampf echt aussehen zu lassen. Auch wirken die Bewegungen nicht gestellt, sondern man hat das Gefühl, dass die beiden sich wund richtig prügeln.
Was mich generell irritierte, war die Statur des Rocky-Darstellers, er ist doch eher Leptosom und kein Schwergewichtler, während der Apollo ein lecker Häppchen ist.
Mein Süßer monierte, dass kein richtiger Ohrwurm unter den Songs ist. Das war mir egal; ich fand eher die wenig inspirierten Tanzeinlagen nicht musicalgemäß. Allerdings muss man natürlich das Kampffinale als Tanz begreifen, bei dem Schweiß und Blut spritzt.
Fazit: Es lohnt sich, selbst für Leute, die weder mit Musical noch mit Boxen noch mit Rocky was anfangen können. Allein, was man mit dem Bühnenbild zustande bringt, ist den Besuch.
Unzumutbar?



