Bewertung von grubmard zu Dorfkirche Kunersdorf

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Bewertung zu Dorfkirche Kunersdorf

grubmard
Fährt man vom Norden aus Richtung Wriezen / Bad Freienwalde auf der B167 auf Kunersdorf (35 km nordöstlich von Berlin / 5 km südlich von Wriezen) zu, fällt die Dorfkirche mit ihrem markanten Kirchenschiff sofort auf.

Kunersdorf – da sagt jetzt vielleicht der Eine oder Andere: „Kenn ich aus dem Geschichtsunterricht – Schlacht bei Kunersdorf, Alter Fritz und lebensrettende Tabakdose“.
Leider muss ich enttäuschen: das Kunersdorf mit Schlacht und Tabakdose liegt 50 km südöstlich bei Frankfurt/O in Polen und heißt heute Kunowice.
Um Verwechselungen der beiden Kunersdörfer zu vermeiden, wurde das Kunersdorf bei Wriezen bis 1945 „Cunersdorf“ geschrieben.

Die heutige Dorfkirche von Kunersdorf ist bereits der dritte Kirchenbau des 1340 erstmals urkundlich erwähnten Ortes. Die erste Kirche aus dem 14. Jahrhundert wurde im 30jährigen Krieg (1618-1648) zerstört. Der Nachfolgerbau, eine Fachwerkkirche, war bereits nach nicht mal 100 Jahren so marode, dass der damalige Gutsherr Hans Sigismund v. Lestwitz (1718-1788 / preußischer Generalmajor) sie abreißen und durch eine barocke Patronatskirche ersetzen ließ.
Bei den schweren Kämpfen am Ende des 2. Weltkriegs im April 1945 zwischen deutschen und sowjetischen Truppen wurde Kunersdorf schwer zerstört: Schloss, Gutsbezirk, Kirche brannten nieder und wurden 1948 abgerissen.

Es ist erstaunlich, dass man in der jungen DDR bereits 1950, als das halbe Oderbruch noch in Trümmern lag, in Kunersdorf mit dem Neubau einer Kirche begann.
Da der bisherige Standort der Kirche auf dem 1946 durch die Bodenreform enteigneten Großgrundbesitz der Familie v. Itzenplitz lag, beschloss die evangelische Kirchengemeinde die Kirche auf dem Grund des evangelischen Gemeindefriedhofs zu errichten, der ein dreieckiges Grundstück an der B167 bildet.
Die Kirche, bestehend aus Turm, Kirchenschiff und angebauter Sakristei, wurde bis 1955 nach Plänen des evangelischen Kirchenbaurats Curt Steinberg (1880-1960) aus rotem Backstein erbaut. Das Kirchenschiff ist als Rundbau mit Kuppel ausgeführt und erinnert aus der Ferne an eine umgedrehte Suppenschüssel. Der 27m hohe viereckige Kirchturm mit achteckigem Helm ist an die Südseite, die Sakristei an die Nordseite des Rundbau’s angefügt.

Fazit: Interessanter Kirchenneubau aus den 1950er Jahren. Wie so viele Kirchen in Brandenburg ist auch die Kunersdorfer Dorfkirche keine „offene Kirche“, so dass ich zur Inneneinrichtung leider nichts sagen kann.
Parkmöglichkeiten gibt es am Friedhof.

Curt Steinberg schuf von 1919 bis 1953 zahlreiche Entwürfe für evangelische Kirchenneubauten in Berlin und der Provinz Brandenburg. Pikanterweise war Steinberg seit 1933 Mitglied der NSDAP. Die Kirche von Kunersdorf auf dem Gebiet der damaligen DDR war sein letztes Kirchenbauwerk.
Die NSDAP-Mitgliedschaft Steinbergs hinderte den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884-1963 / Bundespräsident 1949-1959) allerdings nicht daran, Steinberg für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstkreuz zu dekorieren.

bestätigt durch Community

Ausgezeichnete Bewertung

Schroeder Bruchlose Biographien gab es hier wie dort....
DDR-Kirchenneubauten in den 1950er Jahren erstaunen mich immer noch...
Ausgeblendete 14 Kommentare anzeigen
grubmard @Schroeder: selbstverständlich.

Irgendwo müsste es ein Bild geben: "grubmard - Anbetung der Kunersdorfer Tabakdose"
opavati® Danke, mein Guide. Rein musst du aber auch noch. Ich möchte die Tür mit den Berliner Wappen sehen. ;-)
opavati® Ein »West-Kirchenbaurat« hat geplant und die »West-Kirche« hat es bezahlt. Das war wohl bei den meisten Neubauten so.
opavati® ich habe gerade mal bisschen zu dem Baumeister gelesen.
»Umstritten ist die Ausgestaltung seiner evangelischen Kirche in Berlin-Mariendorf, die mit nationalsozialistischen Motiven übersät ist.« Davon habe ich schon mal gelesen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin-Luther-Ged%C3%A4chtniskirche
Puppenmama Danke für Deinen wiederum tollen und informativen Bericht.
Herzlichen Glückwunsch zum verdienten grünen Daumen.