Bewertung von grubmard zu Marktkirche Unser lieben Frauen

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Bewertung zu Marktkirche Unser lieben Frauen

grubmard
Abweichende Öffnungszeiten:
Januar & Februar: Montag bis Samstag von 11:30 Uhr – 16 Uhr / Sonntag von 15 Uhr – 16 Uhr

März bis Dezember: Montag bis Samstag von 10 Uhr – 17 Uhr / Sonntag von 15 Uhr – 17 Uhr

Orgelmusik (Stand April 2016): Dienstag von 16 Uhr – 16:30 Uhr / März bis Dezember
Donnerstag von 12 Uhr – 12:30 Uhr / März bis Dezember
Samstag von 12 Uhr – 12;30 Uhr / Juni bis September
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Die auch Marienkirche genannte Marktkirche Unser Lieben Frauen in Halle/Saale ist ein bedeutender spätgotischer Kichenbau im Zentrum der alten Saalestadt. Zur 88 m langen und 24 m breiten, dreischiffigen, chorlosen Kirche gehört auch der extern in einiger Entfernung stehende „Roter Turm“ genannte Glockenturm.

An der Stelle der heutigen Kirche existierten seit dem 11. und 12. Jahrhundert bereits 2 Marktpfarrkirchen: die alte Marienkirche und die Gertrudenkirche. Mit wachsendem Wohlstand der Stadt und der Rolle von Halle als Residenzstadt von Kardinal Albrecht v. Brandenburg wurden Anfang des 16. Jahrhunderts die Rufe nach einer repräsentativen Kirche laut. Und so wurde 1529 beschlossen, die beiden Kirchen zusammenzulegen. Dafür wurden die alten Kirchenbauten mit Ausnahme der Türme abgerissen. Anschließend verband man die Turmpaare aus dem 13. und 14. Jahrhundert mit dem heutigen Kirchenbau. 1554 war der Kirchenneubau abgeschlossen. Mit dem Bau wurden auch die bisherigen Friedhöfe vor Ort geschlossen. Als neuen Friedhof legte man vor den Stadttoren den sogenannten „Stadtgottesacker“ an (siehe Bewertungen dort).
Das westliche Turmpaar steht übrigens wegen einer tektonischen Verwerfung unter dem Marktplatz leicht schief.

Als katholisches Gotteshaus begonnen und zur Abwehr der Reformation gedacht, konnte sich auch Halle nicht dem damaligen Strom der Zeit entziehen. Bereits während der Bauarbeiten wurde 1541 die Reformation in Halle eingeführt und Kardinal Albrecht v. Brandenburg verließ seine Residenzstadt.

Auch die Marktkirche Halle/S ist mit dem Namen des Reformators Martin Luther verbunden, der hier 3x predigte und dessen Leichnam bei der Überführung von Eisleben nach Wittenberg 1546 in der Kirche aufgebahrt wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Marktkirche kaum verändert. 1840/41 wurde nach Plänen von Schinkel und Stapel lediglich der Altarraum neu gestaltet sowie ein neues Altarbild von J. Hübner geschaffen. Den größten Einschnitt in die Kirchengeschichte brachte der 2. Weltkrieg. Kurz vor Kriegsende wurde die Kirche durch einen alliierten Luftangriff am 31.3.1945 schwer beschädigt. Der Angriff der US-Army auf Halle/S verursachte durch Artilleriebeschuß weitere schwere Schäden.

Bereits von 1946 bis 1948 wurden in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone Sicherungs- und Reparaturmaßnahmen durchgeführt. Eine Havarie der Kirchenheizung beschädigte dann 1967 Innenraum und Ausstattung schwer. Als Folge der Havarie wurde eine Generalsanierung erforderlich. Von 1968 bis 1983 wurde die Kirche unter Leitung des Instituts für Denkmalpflege der DDR saniert und restauriert. Im Zuge dieser Arbeiten entschied man sich, der Kirche innen wie außen das Aussehen vom 16. Jahrhundert weitgehend wiederzugeben.

Im Kirchenschiff mit seinen Kreuzrippengewölben findet man zahlreiche Kunstschätze aus der Bauzeit der Kirche. Hervorzuheben ist der hölzerne Flügelaltar nach einem Entwurf von Lucas Cranach d.Ä., der noch von Kardinal Albrecht in Auftrag gegeben wurde. Im Zentrum des Altars ist Kardinal Albrecht als Stifter und die Mutter Gottes auf der Mondsichel dargestellt.
Das bronzene Taufbecken wurde 1430 gegossen und stammt vermutlich aus einer der abgerissenen Vorgängerkirchen.
Die Sandsteinkanzel mit hölzernem Schalldeckel vereint spätgotische mit Elementen der Frührenaissance.
Weiterhin sind noch Teile des Renaissance-Gestühls vorhanden.

Auch für Orgelliebhaber hat die Marktkirche etwas zu bieten:
Die Hauptorgel der Firma Schuke auf der Westempore stammt aus dem Jahr 1984 und wurde bei der Generalsanierung hinter das barocke Prospekt eingebaut. Diese Orgel besitzt 4170 Pfeifen in 56 Registern. Die ursprüngliche, verlorengegangene Orgel bespielte 1716 Johann Sebastian Bach als erster. Sein Sohn Wilhelm Friedemann Bach wirkte fast 20 Jahre als Organist an der Marktkirche.

Auf der Ostempore befindet sich dagegen die kleinere historische Altar- bzw. Chororgel von 1663 des Orgelbauers Georg Reichel. Bei der Restaurierung 1971 entschloß man sich, diese Orgel wie zu Zeiten ihrer Erbauung zu stimmen, so das man heute das Klangbild des 17. Jahrhunderts hat.

Erwähnenswert sind auch die Glocken der Marktkirche, die Jahrhunderte, die Glockenstürmerei im 1. Weltkrieg und die Zerstörungen des 2. Weltkriegs überstanden haben.
Die kleinste (Bitt- und Gebetsglocke, 96 kg, um 1300) und die größte (Große Festglocke, 3888 kg, 1420) Glocke stammen noch aus den Vorgängerkirchen. Die anderen beiden Glocken stammen aus dem 17. Jahrhundert.

Heute finden in der Kirche Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen (z.B. Konzerte) statt.
Die Kirche kann außerhalb von Gottesdiensten und Veranstaltungen besichtigt werden. Der Eintritt ist frei, Spenden werden aber gerne angenommen.
Wir hatten bei unserem Besuch das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, denn wir kamen in den Genuß einer mittäglichen Orgelmusik auf der Reiche-Orgel. Derart musikalisch begleitet konnten wir den großartigen Kirchenraum auf uns wirken lassen. Wunderbar.

Neben dem Eingang kann man noch einige wenige Broschüren und CD’s käuflich erwerben.

Weiterhin gibt es in einem der Kirchtürme ein kleines Luthermuseum, in dem auch Luthers Totenmaske und seine Handabdrücke zusehen sind (Eintritt 2 €uro)
Und wer gut zu Fuß und Luft ist: Es finden regelmäßig Turmbesteigungen statt (Buchung über Tourismus-Info Halle).

Fazit: Sehr sehenswerte und eindrucksvolle Kirche.

bestätigt durch Community

Ausgezeichnete Bewertung

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eknarf49 Hoffentlich werden wir Zeit haben, den interessanten Bau zu besichtigen. Danke für den ausführlichen Bericht.
Ausgeblendete 12 Kommentare anzeigen
Exlenker Kein Irrlicht - es leuchtet oben rechts grünlich für diesen tollen Beitrag, deshalb: Glückwunsch dazu!
Blattlaus Eknarf und Robert, wir übernachten ja nur einige Schritte davon entfernt, natürlich kann man der Kirche dann einen Besuch abstatten. Mache ich jedes Mal wenn ich in Halle bin.
Tolle Bewertung einer meiner Lieblingskirchen. Glückwunsch zum Daumen grubmard.
Sir Thomas Ich bin begeistert, lieber grubmard! Eine sehr faszinierende Betrachtung zur Bau- und Kirchengeschichte. Natürlich ist ein Kirchgang Pflicht. Das muss bei uns ja nichts mit Religionsausübung zu tun haben ;-)
grubmard @all: Danke, danke....

@Sir Thomas: Wohl war. Und auch ohne Religionsausübung können Kirchen ein Ort der Besinnung und Ruhe sein, wenn man solche Touristenhotspots wie den Stefansdom, den Berliner Dom und vermutlich auch den Kölner Dom mal ausgeklammert.

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