Bewertung von Sir Thomas zu Sadaf

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Bewertung zu Sadaf

Sir Thomas „Regisseur“
Von persischer Küche habe ich keine Ahnung, aber man sollte natürlich bestrebt sein, den kulinarischen Horizont auch mal zu erweitern. Dass dies hier nur teilweise gelingen würde, war zu Beginn der Vertestung im Kollegenkreise nicht abzusehen. Denn das Lokal ist hübsch, wenn auch etwas sehr künstlich (das Mauerwerk aus Plastik, verspielte Lichtquellen womöglich ebenso) eingerichtet und auch der Perserpop erklingt nicht allzu laut.

Gelegen an einer Nebenstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem persischen Buchverlag und weiteren ebenso persischen Restaurants lebt dieses Lokal nicht unbedingt von spontaner Laufkundschaft. Reservieren ist am Wochenende trotzdem sinnvoll, denn innerhalb der Persia-Community gilt das Sadaf durchaus als Geheimtipp. Nach freundlicher Begrüßung nimmt man Platz und erhält binnen Sekunden den Speisen- und Getränkekatalog des Hauses. Die Auswahl wurde schon im Vorfelde anhand der Facebookseite getätigt, nur Novae hinkt etwas hinterher und wird in kurzen Abständen mehrfach um eine klare Ansage gebeten. Auch im weiteren Verlauf erwies sich unser junger Aufwärter als etwas aufdringlich.

Bei der Spezifizierung der gewünschten Verköstigung nennt man am Besten die entsprechenden Kennziffern, statt sich an der ungewohnten Aussprache etwa des Zereshk Polo ba morgh (natürlich: Hähnchenkeule mit Basmatireis, Safranhaube und Berberitzen) zu versuchen. Dann klappt's auch mit der Verständigung. Zunächst gab es gegrilltes Fladenbrot mit sehr erfrischenden joghurtbasierten und knoblauchhaltigen Dips, u.a. in der Variante Mast Sir.

Untitleds Empfehlung folgend, teilte ich mir mit derselben die Vorspeise Mirsa Ghasemi, ein quantitativ hinreichendes und auch wohlschmeckendes Arrangement aus pürierten gegrillten Auberginen, Tomaten und Salat.Desweiteren wurde ein Teller sehr naturnaher Tomaten, Gemüsezwiebeln und Grünpflanzen gereicht. Sodann ließ sich das Kollegium Lammspieß an Basmatireis und Grilltomate kredenzen, während es bei mir Ghome Sabzi sein sollte.

'Das sieht ja interessant aus', meinte eine Dame vom Nachbartisch zu Recht. Der übliche Hügel Basmatireis (mit Safranhaube) wurde in meinem Falle begleitet von einer Separatschüssel, deren Inhalt zum einen aus einer Paste aus Bohnen, getrockneten Limonen und Kräutern, zum anderen gottlob aus zartem Lammfleisch aus der Lammhüfte besteht. Der Geschmack ist neuartig, mild und definitiv (siehe oben) Horizont-erweiternd, das Fleisch wunderbar zart. Der Basmatireis wird hier grundsätzlich als 'edel' apostrophiert, riecht zumindest nicht so penetrant wie das parfümierte Zeug aus Thailand und erweist sich als, tja... geschmacksneutral.

Der Schwerpunkt des Sadaf wie auch der gesamtpersischen Küche liegt auf Lamm, Hähnchen und Fisch. Der Variantenreichtum erscheint ebenso wie die eingesetzte kulinarische Rafinesse ned wirklich überbordend, (siehe Bildmaterial) aber das sollte man nach einem Erstbesuch sicher noch nicht verallgemeinern. Immerhin war das Lokal an diesem Abend in kürzester Zeit voll besetzt - und zwar international und leider auch gattungsübergreifend: denn durch die offene Tür gelangten auch diverse Exemplare der nervigen Drosophila (Fruchtfliege) ins Haus. Auch die energischen Abwehrbewegungen meiner bezaubernden Tischnachbarin konnten diese leider nicht in Fluchtfliegen verwandeln.

Rasch noch ein persisches Eis - sehr rosenwasserlastig aber unter Weiterbildungsaspekten einen (einzigen) Versuch wert. Der große Enthusiasmus mag insgesamt nicht aufkommen. Dafür hielt sich der finanzielle Aufwand in Grenzen (getrennte Abrechnung nur hinten durch an der Kasse möglich) und man ist im Sadaf sicherlich freundlich um die Gäste bemüht. Und es gibt auch die ortsüblichen Kaltgetränke.

mit freundlichen Grüßen, Sir Thomas

bestätigt durch Community

Checkin

Ausgezeichnete Bewertung

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Biscuitty Danke für den sehr aufschlussreichen Erfahrungsbericht mit den Feinheiten der persischen Küche. Ich kannte bislang nur die private Variante und mag besonders die Vorspeisen meiner Freunde sehr. Es gibt ja auch in Berlin durchaus Restaurants dieser Kochschule, ich habe schon lange vor, dort eine Fortbildung zu machen, werde berichten. D. melanogaster wird dann auch nicht mehr so zahlreich schwirren, denke ich.
Ausgeblendete 15 Kommentare anzeigen
Schroeder Der Sir auf den Spuren Marco Polos... großartig beschrieben---geschmacksneutraler Basmati Reis--- warum ist der Novae so ein Lôle??!!
eknarf49 Das liest sich so, als hättet Ihr wieder ein schönes Erlebnis gehabt, bei dem ich sicher gern dabeigewesen wäre. Danke für den erstklassigen Bericht.
Schroeder Kompliment.... :-)
Für Textverständnis und schwäbische Orthographie.
Es wird doch... nach Jahren der Weiterbildung....
ubier ...mit viel Spaß gelesen, danke für den Beitrag. Angesichts Deiner zurückliegenden Diät-Bemühungen haben mich allerdings die Dips in der "Variante Mast Sir." aufgeschreckt - heißt das, Du wurdest gemästet?!?
Kulturbeauftragte Habe auch schon "Bekanntschaft" mit der persischen Küche gemacht, meins ist es auch nur bedingt mein Fall, doch das was du geschrieben hast, klingt gut. Glückwunsch für den Daumen!
Sedina Wenn selbst der Bonus einer anregenden Runde das Lokal nur auf 3 Sterne treibt, dann muss ich da wohl nicht unbedingt hin.

Kompliment zum ausgewogenen Bericht und Glückwunsch zum Grünen Daumen!
Ästhet hmm gemeine Fruchtfliege an Rosenwassersorbet, das hört man auch nicht alle Tage.

herzlichen Glückwunsch zum gustatorischweltenbummelndverdienenden
okraschotengrünen Daumen.
La Segreta ...und schon wieder ein hervorragender Bericht - mir wird ganz grün vor den Augen - Glückwunsch zum Daumen! :-)

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