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  1. Userbewertung: 5 von 5 Sternen

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    Diese Geschichte setzt sowohl thematisch als auch im Textfluss fast nahtlos

    https://www.golocal.de/ravensburg/fachaerzte-fuer-gefaesschirurgie/gefaesszentrum-des-st-elisabethen-klinikums-YVioX/

    fort, beschreibt aber definitiv eine andere Location, auch wenn sie unter dem gleichen Dach angesiedelt ist und die gleiche keimfreie Luft zur Verfügung stellt.

    Nach dem Rausschmiss aus der Gefäßchirurgie stand ich mit meinen beiden Kärtchen, dem weißen für die Terminabsprache und dem roten mit dem Code für die MRT, was gefragt ist, etwas verloren im großzügigen Foyer des Hauses herum. Natürlich fiel dies wie schon ein paar Stunden zuvor sofort der ehrenamtlichen Wegweiserin auf. Und DIESMAL zeigte sich, dass sie für ratlose 'Besucher' wirklich ein echter Schatz war: Ich fragte nach 'MRT', sie setzte sich in Bewegung, bremste aber sofort wieder: "Haben Sie dort einen Termin?" - "Noch nicht, aber ich möchte einen vereinbaren..." - "DAS machen wir ganz woanders, in der Gegenrichtung!" -
    Ebendort übergab sie mich einer Frau, deren freundliches Strahlen breiter zu sein schien als das ohnehin schon breite Mondgesicht und verabschiedete sich wieder. Ich strahlte zurück und schob meine Pretiosen = rotes Kärtchen, die obligate Gesundheitskarte und das weiße Terminkärtchen über den Tresen, der einer antiken Westernbar alle Ehre gemacht hätte: 10 cm Natureiche, 5 Meter breit und fast 1 Meter tief. Mir fiel auf, dass die ganze Einrichtung der Anmeldung dazu ausgelegt war, einem Massenansturm standzuhalten. Der ebenfalls in Natureiche möblierte Wartebereich hatte die Dimensionen einer kleinen Festhalle für mindestens 200 Gäste. Sehr beeindruckend, insbesondere, da die winzige Lady und ich aktuell die einzigen in diesem Trakt Anwesenden waren.

    "Wie sieht es denn aus? Würde Ihnen ein Termin in 3 Wochen reichen? Oh, ich sehe schon, vermutlich nicht, was hat denn der Gefäßchirurg gemeint?" - "Naja, ich will ja nicht drängeln, aber die Ärztin meinte schon, dass es ein bisschen brennt, weil alles in Bewegung ist und sie nicht weiß, in welche Richtung." - "Na dann wollen wir mal sehen, wo ich Sie reinquetschen kann. Können Sie denn auch spätabends kommen? Ich hätte da in 5 Tagen eine Lücke von 2 Stunden um 19 Uhr." - "Super, die nehme ich gerne, da ist auf den Straßen nicht mehr so viel los..."

    Überglücklich, dass sich die frühmorgens noch so stressgeladene Gesamtsituation so befreiend entspannt hatte, entrichtete ich gerne den Obolus für den rotweißen Stahlzerberus an der Ausfahrt des Parkplatzes von solchen Dimensionen, dass man gut daran tat, sich die Geo-Koordinaten des Abstellplatzes im Handy abzuspeichern, sonst fand man sein Auto nie wieder.
    Zuhause gab ich den ganzen Gesundheitskladderadatsch an der Garderobe ab und widmete mich den Rest des Tages dem unruhestandstypischen positiven Stress der Gartenpflege und des Abhörens der Kopfkissenmeinung zur Tagespolitik in aller Welt.

    Am Tag der Tage traf ich pünktlich am monumentalen Tresen ein und löste nicht wenig Verwirrung bei der Spätschicht aus: Mich gab es einfach nicht, oha! Ich konnte aber nicht nur schlagkräftig beweisen, dass ich in der Tat existierte, sondern auch, dass ich ein Date in der Höhle mit der tollen Perkussion hatte. Konzentriertes Fischen im Trüben der nicht selbstgestrickten Anmelde-IT des Hauses führte dazu, dass schlussendlich meine Existenz auch auf dem Bildschirm auftauchte, das freundliche Grinsen 5 Tage zuvor hatte eben eine andere Sicht der Dinge. Das ist wie mit der Schönheit, die bekanntlich im Auge des Betrachters liegt.

    Nun kriegte ich wieder mündlich einen Ariadnefaden überreicht, aber das Parterre des Hauses war recht übersichtlich gestaltet, mein Heldentum beschränkte sich auf gefühlt einen Kilometer zurückgelegten Fußweges, dann stand ich vor einer verschlossenen Tür mit der passenden Aufschrift plus dem Zusatz: ‚Bitte klingeln!‘ – Den Grund der Sicherheitsmaßnahme konnte ich erahnen: Das Etablissement hinter der automatischen Tür war vollgestopft mit High-Tec vom Feinsten, an deren Schaltern und Knöpfen unbefugte Pfoten nur Schaden anrichten konnten. Also durfte sich ein Laie, wie zum Beispiel ich dort drinnen nur unter Aufsicht bewegen.
    Wie sich später herausstellte, wurde ich sogar zur Klotür begleitet. In diesem Kabinett hielt sich die Technologie in durchaus bekannten Grenzen. Aber noch war ich nicht drinnen, also klingelte ich und nach kurzer Zeit fuhr die Tür zischend auf und ich erstarrte: In der Schleuse stand…. ‚Mein‘ Botenengelchen von der Gefäßchirurgie, nanu? Noch während ich diese überirdische Erscheinung mit meinem Gehirninhalt verglich, erstrahlte das Gesichtchen: „Hallo Herr M., immer herein, hier werden Sie geholfen.“ – Nanu, so alt war das Mädelchen doch gar nicht, um diesen Slapstick zu kennen.

    Sie geleitete mich zu einer Kabine, wie ich sie von Schwimmbädern kenne, nur weniger keimfrei: „Ausziehen bis auf die U, außer sie ist aus Blech. Dann auch DIE, und damit Sie mir nicht erfrieren bring ich Ihnen gleich ein Negligé.“ – Sie hielt ihr Versprechen und nahm auch mir eines ab, nämlich mich nicht aus der Kammer zu rühren, dann könne sie die Tür geöffnet lassen, sie hätte was an der Maschine vorzubereiten.
    Alleine gelassen kämpfte ich wie Harry Houdini gegen die Tücken des Negligé in Gestalt eines wenig reizvollen Krankenhausnachthemdes, das um die Schultern einfach nicht passen wollte, nicht einmal annähernd. Als Brigitte (laut Namensschild) wiederkam und die angerichtete Bescherung sah, musste sie ansteckend lachen, dann kriegte ich einen kurzen Crashkurs im Anlegen von mitteleuropäischer Krankenhauswäsche, asexuell, einfach, nato-unoliv, kochfest. Wer kommt aber auch auf die Idee, in einen Kittel so hineinzuschlüpfen, dass der Verschluss im Rücken ist?

    Bevor ich nun zur Schlachtbank geführt wurde, gab es noch eine etwas besorgte Inquisition durch den ‚Chef des Tages‘: Da meine Blutbahnen dargestellt werden sollten, war es unumgänglich, mich mit einem kernspinresonierenden Kontrastmittel abzufüllen. Dieses hatte aber einen ganzen Sack voll unerwünschter Wirkungen speziell auf Dinos, ob ich da Bedenken hätte. Und ob ich vielleicht meinen aktuellen Medikationsplan zitieren könnte, damit er eventuell drohende Kontraindikationen erkennen könnte. – „Im Kämmerlein, wo jetzt meine Straßenklamotten vor sich hin modern, liegt ein Hefter, den habe ich extra für Sie angelegt. Da ist alles drin, wovon ich gemeint habe, dass es Ihnen unnötiges Rätselraten erspart. Sie brauchen das Zeug nicht kopieren, ich habe es zuhause auf Datei.“
    Meine Frage, ob denn im Falle eines anaphylaktischen Schocks auch verlässlich eine Reanimation eingeleitet würde, nötigte auch ihm ein Grinsen ab: Davon sollte ich einfach mal ausgehen.
    „Also rein mit der Suppe, schließlich wollen wir ja alle endlich sehen, WO und wie heikel der Knopf in meinem Kreislauf ist.“ -. „Sehr gut, dann kommen Sie mal mit!“ – Im Vorraum des Allerheiligsten übergab er mich wieder Brigitte in Begleitung einer schwarzen Katze etwas vorgerückteren Alters, die sich als Maschinistin outete. Sie scannte mich sicherheitshalber noch einmal mit einem Metallsucher, ob nicht irgendwo ein Geschoss steckte, dessen Einschlag ich überspürt hatte, wurde aber nicht fündig.
    Im ‚Tempel‘ selbst geschah dann einiges, was ich so nicht kannte. Ich war schon 2 x zuvor in eine Perkussionshöhle geschoben worden: Einmal 1998, um festzustellen, ob die beiden geplatzten Bandscheiben nicht doch operiert werden konnten. Negativ, 80% Querschnitslähmung wahrscheinlich. Das zweite Mal 10 Jahre später, um zu gucken, wie viel von meiner kaputten Rübe noch funktionstauglich war. Resultat: Genug, um meine Lebensarbeitszeit gesetzlich abzuschließen. War mir auch recht.

    Aber diesmal lag ich nicht nur auf der Bahre rum und wurde verkabelt: Die beiden Mädels käfigten mich vom Hals abwärts bis zu den Sohlen ein, zur Eisernen Jungfrau fehlten nur die Stacheln. Dann kriegte ich einen voluminöses Headset übergestülpt, den obligaten Gummiball zwecks Panikmeldung in die rechte Hand und ab ging es in die Höhle, Vermessungsfahrt. Ein rauchiger Alt im Kopfhörer, die schwarze Katze: „Sie sind aber nur 180 cm groß, nicht 182 wie in Ihren Unterlagen steht.“ – „Die 2 cm sind dem Tag und der Schwerkraft geschuldet, abends bin ich immer kleiner als morgens.“ –
    Wieder heraußen kam der letzte Vorbereitungsakt: Die ‚Maschinistin‘, die offenbar auch Doktorin war, setzte mir einen Katheder für das Kontrastmittel in die Halsvene und schloss ihn an eine Pulle mit Kochsalzlösung an. Dabei erklärte sie: „Halsvene deshalb, weil von hier aus der schnellste und kürzeste Weg für das Kontrastmittel ist, in den arteriellen Teil des Kreislaufes zu gelangen. Außerdem ist sie dick genug, dass man nicht suchen muss und groß mit Nerven ist der Hals auch nicht bestückt. Oder haben Sie was gespürt?“ – „Schon, aber kein Weh…“ – „Fein, dann kann’s ja losgehen. Aber nochmal: Wenn Sie irgendein Unwohlsein spüren: SOFORT den Gummiball drücken oder schreien. Dann wird das Ganze sofort abgebrochen und wir müssen herausfinden, wodurch die Panik ausgelöst wurde. Bitte nicht den Helden spielen, sowas geschieht häufiger als allgemein diskutiert wird. Wir wissen noch längst nicht alles und lassen weltweit keine Gelegenheit aus, Erkenntnisse zu sammeln.“

    Während der folgenden halben Stunde erlebte ich eine gewisse Enttäuschung meiner Erwartungshaltung: In den Röhren von Friedrichshafen (Wirbelsäule) und Wangen/Allgäu (Rübe) genoss ich infolge der undämpfbaren Magnetostriktion das rhythmische Geknatter und die Phantasie des elektronischen Perkussionisten. Und HIER? Gezwitscher und Geflöte von Piepmätzen im Morsetakt, das war alles. Ab und zu kündigte die rauchige Stimme im Kopfhörer einen weiteren Schub Kontrastmittel an, verbunden mit der besorgten Frage nach meinem Befinden. Man hatte wohl doch einige schlechte Erfahrungen sammeln müssen, aber ich fühlte mich sauwohl und tat das auch kund.
    Schlussendlich, als alles vorbei und ich wieder herausgefahren war, entmumifizierten mich die beiden Mädels im Akkord, Brigitte hielt mich zur Stehprobe am Arm fest, aber ich verspürte keinen Schwindel oder Ähnliches. Sie brachte mich zur Umkleide und meinte, das Hemd solle ich einfach unter die Sitzbank kicken. Irgendwann käme der Kammerjäger vorbei und würde die ganze Kammer mit Desinfektionsgas fluten und die Wäsche mitnehmen. Dann verabschiedete sie sich in ihren Feierabend und meinte, den Rest werde der Chef selbst machen, insbesondere mich hinauslassen.

    Als ich mich wieder der unbedarften Öffentlichkeit präsentieren konnte und mich auf dem Flur suchend umsah, kam er schon um die Ecke (Timing ist alles) und fragte als Erstes, wie es mir denn so gehe. Ich dankte aber hätte gerne gewusst, wo ich mal für kleine Königstiger kann. Er war sich nicht zu schade, mich bis zur Klotür zu begleiten und dort auf das Ende meiner Verrichtung zu warten. Als er mich anschließend zum Ausgang begleitete, legte er mir nochmal ans Herz, beim geringsten Unwohlsein sofort 112 zu wählen und dem Notarzt zu sagen, dass an mir eine Angiografie vorgenommen worden war.

    Das war mein radiologisches Abenteuer, am Folgetag ging es nahtlos mit der Besprechung des ermittelten Kreislaufbildes weiter. Diese Ereignisse finden ihren Niederschlag im zweiten Teil der Bewertung ‚Gefäßchirurgie im St.Elisabeth-Klinikum‘.

    geschrieben für:

    Krankenhäuser in Ravensburg

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  2. Userbewertung: 5 von 5 Sternen

    1. von 5 Bewertungen


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    Das Aufsuchen dieser Location erfolgte auf dringendes Anraten des fleißigen Venendoktors in

    https://www.golocal.de/memmingen/fachaerzte-fuer-innere-medizin/internistisches-fachzentrum-mit-dialyse-kardiologie-internisten-7Ovvj/

    der eben nicht nur seine Minimalpflicht getan hatte, sondern wenn er schon mal dabei war, den gesamten Kreislauf unterhalb des Gürtels gedopplert und zumindest eine arterielle Störstelle grob eingegrenzt hat.
    Mit dessen Bericht in der Hand leierte ich meinem höllischen Leibarzt eine Überweisung in die Titellocation aus dem Kreuz und als ich die hatte, ging das Telefonieren los. Und als dürfte es nicht anders sein, rannte ich sofort in ein gezücktes Schwert, das folgendermaßen aussah:

    "Mit der Überweisung eines (popeligen) Allgemeindoktors dürfen wir Sie nicht einmal flüchtig untersuchen, Sie müssen uns schon die Einweisung eines einschlägigen Facharztes für Angiologie vorlegen." - Nun begann ich fieberhaft zu rechnen: Um an eine solche zu gelangen, brauchte ich einen kurzfristigen Termin in o.a. Memminger Location, DAFÜR fehlte mir nun aber die Überweisung meines Leibdoktors. Selbst wenn ich zeitlich alles folgerichtig organisiert kriegte, bedeutete das für mich eine Tagesreise: Gut 30 km hin und zurück zum höllischen Doktor nur für den gelben Zettel, 82 km in Gegenrichtung ebenfalls hin und zurück zum Memminger Doktor, der aus dem gelben einen rosaroten Zettel machte, und dann 25 km wieder südwärts aber nur Hinweg nach Ravensburg um besagten rosa Zettel vorzulegen und in Terminverhandlungen zu treten. Hier wieherte doch eine Art Schimmel, wenn auch nicht der vom Amt.

    So ging das also nicht, es musste eine andere Lösung her. Ich suchte mir aus den ‚GelbeSeiten.de‘ einen niedergelassenen Pipelinedoktor heraus, dessen Praxis einen brauchbaren Abstellplatz für die Gäuler der Kalesche offerierte und rief an. Inquisition durch den Drachen wie schon gewohnt, nun kam die vorausgeahnte Gegenfrage: „Waren Sie schonmal bei uns?“ – ‚Lieber Drachen…‘ - aber das hatten wir alles schon bis zum Erbrechen und konnte nicht mit der Dringlichkeit des Memminger Doktors koinzidieren = in einem halben Jahr war das Bein vielleicht schon ab und alles nur wegen dämlicher Gepflogenheiten niedergelassener Fachärzte, für die es keinerlei medizinischen Hintergrund gab. Außer man ordnet professionelle Arroganz als therapiebedürftige Psychose ein. Um den Blutdruck des Drachen zu schonen, machte ich einen Scheintermin, der aber das Problem nicht löste.

    Nun wurde ich energisch, veräppeln konnte man, wen man wollte, meine Feder war am Anschlag: Ich hatte mal gelernt, dass Kommunikation Auge in Auge diejenige war, die Miss- und Unverständnisse am besten ausschließen konnte, im Gegensatz zur bloß akustischen z.B. via Telefon. Also bemühte ich die Kalesche, MEINE Augen dorthin zu transportieren, wo ich ein anderes Augenpaar fand, mit dem ich mich über die aktuelle Problematik auseinandersetzen konnte.
    Ich hatte auf den richtigen Zossen gesetzt: Schon im Foyer wurde ich von einer ehrenamtlichen Stoßzeithelferin abgefangen und von ihr persönlich zum Sekretariat des Gefäßzentrums geleitet. Dort kam mir der Zufall zu Hilfe: Auf dem Türschild standen 3 Namen und einer davon sagte mir eine ganze Menge über die Trägerin. Ich klopfte und trat ein, die 3 Augenpaare musterten mich flüchtig, ich grüßte und platzte heraus: „Wer von Ihnen heißt Adelindis?“ – Ein Augenpaar wurde größer: „Ich, warum?“ – „Ich weiß, wo Sie getauft wurden…“ – „WIE bitte, woher?“ – „In Bad Buchau, stimmts?“ – „JETZT bin ich aber neugierig. Haben Sie übersinnliche Kräfte?“ – „Eigentlich nicht, zumindest weiß ich nichts davon, aber ich war vor 20 Jahren 5 Wochen bei Ihrer Namenspatronin zu Gast. Seither bin ich zumindest im Kreuz schmerzfrei. Gute Leute dort, alle miteinander…“ – „Das freut mich aber sehr, doch erzählen Sie mir mal, was Ihnen JETZT weh tut?“ – Hollodrioooo, die erste Hürde war genommen, ohne die ehrbare Adelindis zu kompromittieren.
    Langjährige Erfahrung im Motivieren der Arbeiterinnen in meiner ehemaligen Klitsche, doch lieber Qualität als Quantität zu produzieren hatte mich empfänglich für Mädchenlächeln gemacht, und die ‚Nebenwirkung‘ war auch nicht zu verachten.

    Denn nun ging alles ganz fix, es gab nämlich tatsächlich ein paar gewaltige Abkürzungen unter dem Geheimnis, dass auch das Herz per Definition ein Blutgefäß ist und nicht wenige Patienten auf dem fahrbaren Heia aus der Notaufnahme hierher gekarrt wurden, ohne dass der Schimmel deshalb aus dem Weg ging. Also mussten sich die Mädels zwischen seinen Gräten durchmogeln, um ihre Flip-Flops zu schonen und der Ärmste schnellstmöglich zu seiner u.U. lebensrettenden Therapie kam.
    Nun war ich zwar kein Blaulichtpatient, ich konnte immerhin noch halbwegs laufen und sogar Auto fahren, auch wenn die Polizei besser nicht wusste, mit welchen Behinderungen dieser Hasardeur dies tat. Aber da zog halt das 11. Gebot schon seit 15 Jahren. Aber ich hatte vorausschauend den Bericht des Memminger Fachkollegen dabei und sein Sprachgebrauch im Resümee war auch sowas wie Blaulicht für Indianer im deutschen Exil. Man nahm mir das Versprechen ab, mich schnellstmöglich um den Papierkram zu kümmern, dann könnte man in Vorleistung gehen.

    Wie nennt man sowas, liebe Golocal GmbH? Vertrauensstatus GRÜN ohne Beziehungen, und das nur für einen kleinen Flirt und ein Lächeln. Adelindis nötigte mich, draußen in der Wartehalle Platz zu nehmen, ich werde aufgerufen. Angesichts der Menschenmenge dort rechnete ich mit einem längeren Aufenthalt, machte es mir in einem der luxuriösen Lederfauteuils bequem und angelte mir einen Bildband über die Region Bodensee-Oberschwaben-Allgäu, meine Heimat, die ich nie gut genug kennenlernen konnte.
    Vielleicht hatte Adelindis doch Recht und ich entwickelte schon infolge meiner reduzierten Hörleistung paranormale Kräfte, denn was konnte mich sonst veranlassen, die Nase aus dem interessanten Buch zu erheben und mich suchend umzusehen. Ein par Schritte von mir entfernt tat nämlich ein Flip-Flop besohltes blaugeflügeltes Engelchen genau das Gleiche, nur stehend. Unsere Blicke begegneten sich und ihre Lippen formten etwas, was mein Name sein konnte, sie war auf der Pirsch nach meiner Wenigkeit. Ich hob die Hand, das Gesichtchen erstrahlte noch mehr und sie winkte, ich solle sie begleiten.
    Also klappte ich das Buch zu und hievte irgendwie den Hintern aus dem Pfühl, das Engelchen machte kehrt, zeigte mir kurz ihren prächtigen Pferdeschwanz und entschwand in der Ferne. Ich merkte mir die ungefähre Richtung und schlurfte hinterher. Da kam sie schon wieder, das Gesicht leicht gerötet, ob verlegen oder außer Atem, weiß nur sie allein. – „Sie SIND doch Herr M.M.?“- zwitscherte sie und hielt mir ihren Suchauftrag unter die Nase. Kein Zweifel, ICH war gemeint.

    Diesmal blieb sie an meiner Seite und passte auf, dass ich nicht versehentlich über ein Staubkorn stolperte, das die Putzmaschine übersehen hatte. Sie führte mich in ein Büro, platzierte mich in den Besucherstuhl, die Frau Doktor käme gleich und weg war sie, schade. Aber Botenengel waren zu allen Zeiten nicht gerade unausgelastet, die meisten Angehörigen des mosaisch-christlichen Kulturkreises wissen das.
    Diesmal entsprach ‚gleich‘ wiederum dem Zeitraum, den man diesem Gummibegriff im Allgemeinen zugesteht, eine untersetzte Dame kam herein, laut Namensschild am weißen Kittel Oberärztin N.N., und nahm hinter dem Schreibtisch Platz. Das Verhandeln war kurz und bündig, Adelindis hatte bereits alles, was es über mich zu wissen gab, in den obligaten PC gepinnt, also auch den Bericht des Memminger Kollegen. Es wiederholte sich das dortige Ritual: Ausziehen, hinlegen und ‚Abtasten‘ der Frischblutpipelines unterhalb der Gürtellinie, nur dass diesmal nicht mit hoher Kadenz gespeichert wurde. Das ‚warum‘ wurde auch gleich erklärt:
    Die Doktorin hatte nicht die Absicht, der Diagnose des Kollegen in die Parade zu fahren, wozu auch. In IHREM Fall war der Scan mit dem Dopplersonar nur die grobe Überprüfung, ob sich zwischenzeitlich etwas verändert hatte, was auf ein Fortschreiten des Syndroms schließen ließ. Dies war der Fall, die Blutflusshemmung hatte sich verlagert oder es war eine weitere Engstelle hinzugekommen. DAS sei nun wirklich ein Fall für eine MRT-Analyse zwecks exakter Lokalisierung, bevor eine invasive Bestimmung des Wesens dieser Fließhemmung per Sonde erfolgen konnte.

    Mein Alter ließe zwar auf Anlagerung von Cholesterin schließen, aber es gebe Hinweise, dass dem nicht unbedingt so sein muss, zum Beispiel mein idealer BMI und die Abstinenz von Alkohol jeglicher Art, wohingegen mein lebenslanger Nikotinkonsum, auch wenn er nur mäßig ist, eben Spuren hinterlässt, die zwar zum gleichen Resultat führen aber ganz anders therapiert werden. Sie hackte Anweisungen für das Sekretariat in die Tastatur: „Sehen Sie zu, dass Sie baldmöglichst einen Termin für die MRT kriegen und wenn die gemacht ist, will ich Sie innerhalb von 24 Stunden oder schneller wieder hier sehen. Wie das im Detail geht, sagt Ihnen eine der Damen im Sekretariat, wenn Sie sich dort wieder sehen lassen können.“ – Also DOCH noch ein Rest Humor in der etwas brummigen Frau Doktor.
    Diesmal hatte ich selbst die Wahl, womit ich den Ultraschall-Siff von mir abwischte, mit dem auch sie mich vom Nabel bis zu den Sohlen eingesuppt hatte, im Sinn der Kostendämpfung nahm ich hierfür die schon zum Schonen der Stressliege verwendete Bahn aus Krepppapier. Als mein Outfit wieder jugendfrei war, wackelte ich auswendig hinüber ins Sekretariat, wo mir Adelindis klarmachte, dass jetzt ICH mit dem Einlösen des Versprechens dran war. Sie drückte mir meinen ‚Vorschuss‘, die Überweisung des höllischen Doktors in die Hand und JETZT kam der Tipp des Tages: „Im Ärztehaus gleich nebenan gibt es einen niedergelassenen Angiologen und dessen Team arbeitet mit uns zusammen. Sie kriegen dort gegen Vorlage dieser Überweisung und Ihres Kärtchens umgehend eine FA-Überweisung für uns ausgestellt, ohne dass Sie den Chef zu sehen kriegen. Die Mädchen haben Blankoüberweisungen am Lager. Wenn Sie das haben, kommen Sie gleich wieder hierher und wir beide schließen den Deal ab.“

    Sieh an, bei DIESER Organisation zwecks Austricksen des Schimmels hat sich wirklich jemand was Feines ausgedacht, was niemanden benachteiligte, dem der Gesetzgeber lukrative Pfründe zugedacht hatte, die aber im Normalfall zu Lasten des Patienten, also des Schwächsten in dem ganzen Geflecht fallen würde. Eine halbe Stunde inklusive einer homöopathischen Dosis ‚Sargnagel‘ zwecks Herunterfahren der flatternden Nerven später kriegte die grinsende Adelindis das rosa Papier und ich im Gegenzug einen internen Auftrag an die Radiologie des Hauses zwecks Erstellung des gefragten MRT.


    Hier ist erstmal Filmriss, in dieser Abteilung ging es erst 10 Tage später weiter. Das lustige Abenteuer MRT kriegt eine eigene Bewertung.

    Diese ist erstellt (https://www.golocal.de/deutschland/krankenhaeuser/radiologie-im-st-elisabeth-klinikum-4nI0B/), zu meiner großen Freude mehrfach kommentiert und hat sogar einen Preis gekriegt, nun wird der ‚Film‘ geklebt, damit die Vorführung weitergehen kann.

    Als notorischer Frühaufsteher stand ich am Tag nach der abendlichen Angiografie um 8 Uhr wieder vor der Sekretariatstür der Gefäßchirurgie. Da ich bis hierher nur der Rezeptionistin begegnet war, kam ich mir doch ein wenig fehl am Platz vor, aber mein Klopfen an die Sekretariatstür wurde tatsächlich beantwortet. Erleichtert trat ich ein, wurde erkannt, obwohl die Lady nicht Adelindis war. Sie repetierte meinen Namen, der ja weiß der Himmel nicht gerade exotisch ist, weshalb ich auf korrekter Schreibweise bestehen muss. Sodann stürzte sie sich auf das Ausgraben der richtigen Fossilie aus dem Lehm der Verwaltungs-IT, stellte fest, dass das Resultat aus der Radiologie bereits eingetroffen war, dann aber zog sie die Bremse etwas an:
    Die Frau Dr. X., die mich bisher untersucht hatte, würde gerade operieren und niemand weiß, wie lange noch. Sieh an: Nicht nur Duelle fanden im Morgengrauen statt, sondern auch blutige medizinische Eingriffe. Ob da nicht doch eine Art Verwandtschaft bestand? – Aber sie hätte einen HERRN Dr. Y., der hätte im Moment noch nichts zu tun, ob der mir auch recht wäre. – „Aber gern, wenn er es ordentlich macht…“ – Sie lachte: „Wir tun alle unser Bestes, und zum Schichtbeginn wird es auf jeden Fall ordentlich. Ich schieb ihm Ihren Kram rüber und Sie setzen sich bitte wie schon gehabt draußen hin, Sie werden geholt.“

    Sofort flammte die wilde Hoffnung auf, dass ich wieder von ‚meinem‘ niedlichen Botenengelchen eingesammelt und begleitet würde, doch die erfüllte sich leider nicht. Es wäre ja auch sowas wie ein Wunder gewesen: Sie hatte am Vorabend an der MRT Spätschicht geschoben, so junge Leute brauchen ihren Schlaf und ein Privatleben gab es ja auch noch.
    Plötzlich bog ein schlaksiger Zweimetermann um die Ecke, marschierte gezielt auf mich zu und strahlte schon im Voraus: „Sie sind sicher Herr M., ich bin Dr. Y. und hab Ihnen einiges zu erzählen. Aber kommen Sie mit, Ihr Angiogramm gibt es auf dem Bildschirm in meinem Büro!“ – Dort gab es in Schwarzweiß zu sehen, was man im Allgemeinen schön bunt aus dem Biologieunterricht kennt, aber dieses Bild hatte etwas Besonderes: Das war ICH … und mal ehrlich gesagt, so besonders dolle sah es nicht aus. Aber der Doktor würde es mir ja gleich entflechten.

    „Also da gibt es schon ein paar Schwachstellen in Ihrem Blutkreislauf, sehen Sie mal!“ – Oha, das Ganze war eine Quasi-3D-Darstellung, er konnte mich um alle Achsen drehen und damit aus seiner Sicht kritische Stellen gestochen scharf in den Vordergrund holen. – „Hatten Sie denn in letzter Zeit irgendwelche Beschwerden in den Beinen, also dumpf empfundene Schmerzen in Verbindung mit einer gewissen Lähmung?“ – „Ja schon, ein paar Mal, aber das ging immer recht schnell wieder vorbei.“ – „Das waren höchstwahrscheinlich kleine Infarkte, die wir unbedingt im Auge behalten müssen. Was halten Sie denn von einem vorbeugenden invasiven Eingriff, bei dem wir per Sonde gezielt einen Stent einsetzen, der den Blutfluss durch die Verengung sicherstellt?“
    Zur Erklärung: Ein ‚Stent‘ ist eine Art Fingerfalle aus Drahtgefecht, aber mit umgekehrter Funktion als diese. An Ort und Stelle wird er der Länge nach gestaucht, vergrößert so seinen Durchmesser, dehnt die Arterie und verkeilt sich selbsttätig. Keine große Sache, die Belastung des zumeist älteren Patienten ist recht gering.

    Dennoch regte sich Widerstand in mir: „Wenn ich 50 und ansonsten halbwegs gesund wäre, könnten wir darüber diskutieren. Aber ich bin 70 und Inhaber zumindest zweier Syndrome, die mich täglich ausknipsen können wie eine alte Glühbirne, und das seit etwa 15 Jahren. In dieser Zeit unter dem Damoklesschwert wird man zum Philosophen und hat längst viele Ängste ins Klo runtergespült, nicht zuletzt die vor dem Tod. Ich halte nichts davon, diesen verbrauchten Luxuskörper noch schnell prothetisch aufzuwerten bevor er endgültig abgefackelt wird.“

    Das Verständnis des recht jungen Doktors überraschte mich schon ein bisschen: „Ein klein wenig kann ich Ihnen gedanklich folgen, diese Einstellung zum eigenen Leben ist halt absolut unüblich. Gerade ältere Patienten veranlassen alles, was medizinisch möglich ist, um ihr Leben zu verlängern, koste es, was es wolle. Und woran haben Sie nun gedacht? Pharmakologisch sind Sie am Anschlag, mehr geht nicht.“ –
    Nun pokerte ich ein bisschen: „Sie haben doch nun alles, was es über mich aus Ihrer Sicht zu wissen gibt. Wenn ich jetzt einfach mal auf mein Schicksal setze, dass mich die Gräten bis zum Schluss halbwegs tragen und falls ein nun schon bekannter Infarkt länger als eine Stunde dauert, ich mich mit Blaulicht hierher karren lasse, dann gibt’s gar keine lange Diagnose, Sie setzen die Säge dann an der richtigen Stelle an, stimmt’s?“ – Jetzt lachte er wieder: „Wir haben keine, die liegt Eins weiter in der Orthopädie. Wenn es SO weit ist, werden Sie von uns aufgeschlitzt und der Korken mit einer Plastikpipeline umgangen. Dann müssen Sie aber mindestens 1 Woche hierbleiben. Aber ich kann Sie trösten: Unser Essen ist das beste Klinikfutter im ganzen Landkreis.“

    Wir waren uns also einig bis auf ein kleines Detail: „Ich hätte da noch einen Doktor, der in ein paar Tagen mein Herz genauer anschauen will: Echolot, Dopplersonar unter Belastung etc., alles was er kriegen kann, ohne meine Heldenbrust zu öffnen. Die Datei auf Ihrem Schirm interessiert ihn ganz sicherlich. Können Sie ihm die so ne Art faxen.“ – „Nee, allenfalls als Anhang einer E-Mail, aber das ist verboten. Wenn Sie jetzt nochmal ins Radio-Sekretariat gehen, sich ausweisen und Ihr Problem schildern, kriegen Sie umgehend eine DVD gebrannt, die Ihr Kardiologe mit Sicherheit auswerten kann.
    Dann wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute, was auch immer Sie als solches ansehen. Es hat mich gefreut, einmal einen von der Allgemeinheit erheblich abweichenden Standpunkt kennen zu lernen. Wie sind sie denn nur darauf gekommen?“ – „Mein Schwager war eine Art Berufskollege von Ihnen, aber weit abseits von der Apparatemedizin. Sein einkanaliges EKG war in einer Art Brotbüchse montiert und wurde von einer handelsüblichen Batterie angetrieben, das reichte ihm vollkommen, der Rest war Irisdiagnostik und Erfahrung. Der Mann hat mich jahrelang durch den Seelenwolf gedreht und vielleicht ohne es direkt zu wollen, meinen ohnehin schon vorhandenen Nihilismus bestätigt.“


    Hier endet diese Bewertung mit der Schlussfeststellung, dass ich doch deutlich den Eindruck kriegte, in dieser größten Klinik des Landkreises RV paaren sich Kompetenz mit der Ausstrahlung von Gelassenheit auf ängstliche Patienten. UND für mich persönlich nicht unwichtig: Ein komischer ‚Vogel‘ wie ich es nun mal bin, wird nicht verachtet oder gar gemaßregelt. Man nimmt mich mit Humor und sorgt damit für ganz erheblichen Abbau von situationsbedingtem Stress.

    geschrieben für:

    Fachärzte für Gefäßchirurgie in Ravensburg

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    Tikae Jetzt bin ich fix und fertig !
    Das ist DER geilste Medizin-Krimi überhaupt ....;-)
    Obwohl....da fällt die Entscheidung schwer .


  3. Userbewertung: 2 von 5 Sternen

    1. Bewertung


    bestätigt durch Community

    Dass ich diesem Pflegedienst nur 2 Sterne verleihe, hat nur bedingt etwas mit den tatsächlichen Erlebnissen damit zu tun, es ist meine Meinung über den großkalibrigen Rohrkrepierer, den Herr Norbert Blüm als Arbeits- und Sozialminister unter der 2. Legislaturperiode von Helmut Kohl abgeschossen hatte und der ab 1.1.1995, als er verbindliches Gesetz wurde, in der ganzen Bundesrepublik Privatfirmen, die sich mehr oder weniger kompetent mit Sozialleistungen befassten, wie Pilze aus dem Boden schießen ließ.

    Als ich in der Woche, während der ich auf die Lieferung des verordneten Therapiezubehörs, siehe auch

    https://www.golocal.de/kisslegg/fachaerzte-fuer-allgemeinmedizin/berg-barbara-arztpraxis-uT16/
    sowie

    https://www.golocal.de/kisslegg/apotheken/st-gallus-apotheke-4OFm/

    telefonierte ich in der ganzen Region Allgäu-Oberschwaben herum, ob sich nicht ein mobiler Pflegedienst findet, dessen Mitarbeiter morgens bei mir vorbeischaut, meine Beine sachgerecht einwickelt und abends sein Machwerk wieder entfernt. Aber nach 2 Tagen zähen Verhandelns konnte ich mit der Ansammlung an 'Körben' einen schwunghaften Handel eröffnen. Dass sich in mir der Eindruck breit machte, dass in den 24 Jahren seit Detonation o.a. Rohrkrepierers halb Deutschland sich zu Lasten der Pflegeversicherung auf die faule Haut gelegt hatte und einfach machen ließ, bis der Löffel abzugeben war.

    Aber endlich bewirkte die Nennung der verordnenden Ärztin, dass sich bei der Titellocation doch noch eine Lücke fand, die in der Tagestour einer Mitarbeiterin untergebracht werden konnte. Und nun begann der Horror: Die Terminplanung gestaltete sich ganz eindeutig zu meinen Lasten, O-Ton: "Wenn bei Ihnen eine lichtblaue Uniform klingelt, egal wann, haben Sie zur Verfügung zu stehen, ansonsten wird ein Verstoß gegen die AGB, die Sie beim Erstbesuch zu unterschreiben haben, verzeichnet und Ihnen die vergebliche Fahrt in Rechnung gestellt. Punkt!" – Schluck, wo war ich da bloß hingeraten, dass der Dienstleister den Tagesablauf des Kunden diktiert?

    Der erste Besuch lief ganz gut an: Ich war rein zufällig im Erdgeschoss und kriegte mit, dass gebimmelt wurde. HÖREN kann ich die Türglocke schon lange nicht mehr. Ich geleitete die resolute Lady in der Uniform ihres Arbeitgebers ins Esszimmer, wo auf dem Tisch das Zubehör bereitlag. Als erstes schob sie mir einen Stapel bedrucktes Papier hin, das sei mein Vertrag, das Duplikat hätte ich sofort zu unterschreiben, vorher dürfe sie keinen Finger rühren. Aha, Vorkasse also, etwa wie am Standesamt, nur einseitig auf mein alleiniges Risiko.
    Als ich Anstalten machte, den 7-seitigen Vertrag durchzulesen, wurde ich sofort zurückgepfiffen: DAFÜR sei jetzt keine Zeit, von ihren Vorgabe = 11 Minuten für das Einwickeln von 2 Unterschenkeln und Füßen seien bereits 4 Minuten verbraucht, diesmal würde sie ‚draufzahlen‘ und Mehrarbeit leisten müssen. Bei dieser Ansage rappelte bei mir sofort der ‚Ausbeutungsalarm‘ los, auch wenn es mich gar nichts anging. Der Tiger, die Frucht des 5-wöchige Crashkurses in Sozialpsychologie, den mir mein Ex-Arbeitgeber um die Jahrtausendwende in Bad Orb hat angedeihen lassen, hob seine mächtige Rübe und gähnte: ‚War da gerade was?‘ – Aber ich hatte keine Gelegenheit für eine Inquisition der ‚Gepeitschten‘, ich musste doch lernen, wie das mit dem Wickeln funktionierte. Ich hatte nämlich so eine düstere Vorahnung, als würde ich dieses Wissen sehr bald brauchen.

    Das ging sehr fix und routiniert vonstatten: Zunächst wurden Fuß und Unterschenkel bis zum Knie in eine Art ausgewalzten Wattebausch eingewickelt, darüber kamen die Pressbinden und zum Schluss wurde nach dem Leukoplast zum Fixieren der Enden gefragt. Ich schob ihr die mitgelieferten Häkchen mit dem kurzen Strapsgummi hin: „Das dürfen wir nicht…“ – „??“ – „Die Haut könnte verletzt werden.“ – DAS war doch das typische ‚Alle Patienten über nur einen Kamm scheren‘, das die zeitgenössische Medizin kennzeichnet. Dort, wo die Klammern hingehörten, trugen Watte + 2 Schichten Elastikbinde gut 2 mm auf, die Spitzen der Häkchen würden höchstens 1 mm in das Gewebe eindringen. Die Gutste hatte ihren Hausverstand offenbar dort gelassen, wo er hingehörte, nämlich zuhause, für dessen Mitnahme auf Arbeit wurde sie nicht bezahlt, dort bestand ihr Denken nur aus Eingetrichtertem und auswendig Gelerntem. Aber ich hielt den Rand, das war schon lange nicht mehr mein Bier. Der Sozialtiger verleierte die Augen und legte seufzend das Kinn auf die Pfoten.

    Ich holte aus meiner Heimwerkerkiste eine Rolle Isolierband und reichte es ihr: „DAS ist aber nicht keimfrei…“ – Jetzt reichte es: „Sie werden in diesem Haus nicht viel Keimfreies finden, vielleicht in der Pulle ‚Domestos‘ auf dem Klo und selbst DAS ist laut Werbung nur zu 99% keimfrei. Ich hätte da noch eine Flasche Spiritus oder auch einen Kanister lebensfeindliches Benzin, aber ob man damit kleben kann, bezweifle ich gar sehr.“ – Knurrend applizierte sie das ölverschmierte Isolierband, tippte in ihr Tablet im Design der Firma einen Vermerk, den ich lieber nicht wissen wollte. Spekulation: ‚Patient nicht kooperativ und aufmüpfig…‘ – Allein gelassen wechselte ich sofort das nur mäßig haftende Isolierband gegen die Häkchen aus und ließ auf mich zukommen, was da kommen wollte.

    Und was da im Lauf des Tages kam, war so eine Art Vorhölle, wie sich Lieschen Müller eine solche vorstellen mag: Brav den Anweisungen der Ärztin gehorchend, lief ich eine Stunde im Wald herum, dann übermannte mich der Druckschmerz, ich packte mich in einer Lichtung zu den Ameisen ins weiche Gras und verfügte meinen Geist ins Nirwana. Subjektiv Jahrhunderte später fuhr die CPU wieder hoch und registrierte als dominanten Eindruck die Füße im eingebildeten Feuer.
    Ich repetierte die Sache mit dem Indianer deutscher Staatsbürgerschaft, sagte den Ameisen Lebewohl und wankte nach Hause, wo ich dem drängenden Impuls widerstand, den Kompressionswickel mit Hilfe von H2O in einen feuchten Wadenwickel zu konvertieren. Hätte ich es bloß getan, denn das Unheil geschah am Abend, als die resolute Lady wieder auftauchte, um ihr Bauwerk von heute Morgen zu entfernen. Natürlich verpasste sie mir eine Zigarre von der Größe eines Luftschiffes, als sie die Gummiklammern sah, aber ich war schon viel zu entnervt, um zu diesem Kinkerlitzchen überhaupt Stellung zu nehmen.

    Routiniert aber leider wenig aufmerksam verwandelte sie die beiden Mumien, die unten an mir angewachsen waren, zunächst von hautfarben in weiß und zuletzt in bunt, wie sich mein Originalpelz zu zeigen beliebt. Und buchstäblich auf dem letzten Meter wickelte sie ein handtellergroßes Stück Haut mit ab. Sowas Dummes, und das bei einem Diabetiker, sowas heilt doch nie wieder. Sie war tief betroffen über dieses Missgeschick und auch meine Begeisterung hielt sich in engen Grenzen, obwohl ich absolut nichts spürte außer das Kitzeln der klebrigen Suppe, die jetzt vom Knöchel auf den Boden tropfte.
    Nun zeigte ich der Lady, wie man bei sowas Schadensbegrenzung macht: Ich organisierte die schon erwähnte Pulle Spiritus und ein Tempotaschentuch, das ich satt mit 98%igem C6H5(OH) tränkte und auf die Flächenwunde klatschte. Dann fixierte ich es mit billigem Gazeverband, der in der Hausapotheke rumflog und mit Sicherheit auch nicht keimfrei war. Aber dafür war der Spiritus zuständig. Diesmal war es die ‚Fachfrau‘, die nicht zu widersprechen wagte, obwohl ich angesichts der Notwendigkeiten eiskalt und gelassen war. Sie verabschiedete sich eilig und ließ mich allein.

    Befreit von dem irrsinnigen Druckschmerz schlief ich selig wie ein kleiner Schreihals mit voller Windel und rief gleich am nächsten Morgen in der Praxis meines höllischen Doktors an. Ja der Chef sei wieder da und hat im Moment noch nix zu tun. Die braven Mädels haben den Laden gut erzogen am Laufen gehalten, so kannte ich das von den beiden auch. Sie brachte dem Doktor das Handy, kurze Inquisition, antanzen so schnell wie möglich.
    Als Allererstes erfolgte die Erste Hilfe: Er angelte aus einer Schublade ein riesiges Pflaster für nässende Flachwunden, klatschte aus einem seiner geheimnisvollen Tiegel drei Zeigefinger voll Pampe drauf und dieses Assemblat auf die nun schon dezent glühende Wade. – „In 3 Tagen wiederkommen, dann sehen wir weiter.“ –

    Als ich wieder zuhause vorfuhr, stand da schon ein lichtblaues Kleinauto mit dem sattsam bekannten Logo, darin saß eine vierschrötige Dame und hämmerte auf ihrem Dienst-Tablet herum. Als ich die Haustür aufschloss, quälte sie sich aus der Enge ihres Cockpit, holte tief Luft und begann, mich zu beschimpfen: Ob ich denn den Vertrag nicht gelesen hätte.
    Ich zuckte die Achseln und hielt ihr die Haustür sperrangelweit offen, damit sie sich entscheiden konnte, ob sie die nicht keimfreie Hölle des gereizten Drachen überhaupt betreten sollte. Aber Respekt, ihr Mut entsprach ihrem Format: Sie maulte zwar, dass ich die Bänder nicht sorgsam aufgewickelt hatte, was meine Pflicht gewesen wäre, aber als ich das linke Hosenbein hochgekrempelt hatte, platzte sie heraus: „Was IST das und wer hat das verbrochen.“ – Ich nannte den Namen meines höllischen Doktors und hörte förmlich den Überdruck durch das Auslassventil verzischen. – „Dann bleibt für uns ja vorerst nichts mehr zu tun, guten Tag…“ – Und weg war sie.

    Im Anschluss rief ich in der Zentrale an, um das weitere Vorgehen abzusprechen und kriegte rein zufällig die Chefin ans Rohr. Nach wenigen Sätzen stand fest, dass sie in keinster Weise von ihren Angestellten informiert worden war. Interne Kommunikation SECHS, setzen!
    Ich holte das so sachlich wie möglich nach, um die beiden mobilen Mitarbeiterinnen nicht unnötig anzuschwärzen und wir machten aus, dass der Pflegedienst ausgesetzt wurde, bis mein Leibarzt entschieden hatte, wie es weitergeht. Mittlerweile solle ich das unverletzte Bein selbst wickeln, ich würde ja am besten spüren, wann der Druck zu groß wurde. Sieh an, eine Fachkraft, die ihren Verstand zur Arbeit mitgebracht hatte.

    Am Freitag Vormittag kam es zu einer wahren Offenbarung: Der höllische Doktor zog sein Spezialpflaster ab, wischte den verblieben Siff weg und darunter kam zum Vorschein unverletzte rosige Haut wie von einem Babypopo nahtlos transplantiert. Er grinste mich an: „SO geht das, und jetzt in mein Büro, wir müssen mal Tacheles reden.“
    Dort O-Ton: „Auch wenn ihnen das jetzt komisch vorkommt: Über das Therapieren von Lymphödem gibt es ganz unterschiedliche Ansichten, die zwar alle gleichermaßen ziehen, sich aber doch erheblich in der Lebensqualität des geplagten armen Schweines unterscheiden. Meine hübsche Kollegin (sieh mal an, noch ein Schwerenöter!) tat das einzig Richtige: Sie griff nicht in Ihren Stoffwechsel ein, das überließ sie mir, aber sie unternahm etwas in der richtigen Richtung, sehr anerkennenswert. Den Unfall hat sie nicht zu verantworten.
    ICH persönlich halte von Kompression generell nichts und bei einem Diabetiker schon 2 x nichts. Im Sinne Ihres Wohlbefindens und im Wissen, dass Ihre Nieren Kummer gewöhnt sind, setze ich auf forciertes Abtreiben des Wassers. Vor längerer Zeit habe ich Ihnen was verordnet, um den Blutdruck zu senken, die Pieseltablette, über die wir schon debattiert haben. Von denen nehmen Sie jetzt ZWEI pro Tag immer morgens und dazu trinken Sie so viel Kaffee, wie es Ihnen möglich ist.
    Und die blöde Wickelei setzen Sie ab. Das mit dem Pflegedienst kriegen Sie selber hin, da setze ich hohe Quoten auf Sie. (ER hier wieder mit seinem Zossen!) Rufen Sie in einer Woche mal an, ob sich schon was zeigt.“ –
    Vorgreifend: Er hatte aufs richtige Pferd gesetzt. Verglichen mit dem Druckschmerz war das zweistündige Dauerpieseln jeden Vormittag eine Erholung und ich konnte förmlich zuschauen, wie sich die Nilpferdfüße wieder in die eines nackten Affen zurückverwandelten.
    Den Pflegedienst rief ich gleich an und kündigte den Vertrag fristlos. Die Chefin hatte Verständnis, aber das mit der Kommunikation war immer noch im Argen, denn ab und an tauchte ein blaues Auto auf, dessen Chauffeuse mich unbedingt verarzten wollte.

    Aber nach dem Auslaufen des befristeten Vertrages war erstmal Ruhe im Cartoon. Ein Quartal ging ins Land, zum Beginn des folgenden schneite eine Rechnung von irgendeinem Papiertiger der lichtblauen GmbH herein und aus dem gestylten Kuvert fiel inhaltlich Folgendes:
    Der Vertrag war auf 10 Werktage befristet ausgestellt und ich hatte für die gesamte Laufzeit die gesetzliche Zuzahlung von 10 € täglich zu entrichten, und zwar bis spätestens tt.mm.jjjj. Der Betrag ist nicht vorsteuerabzugsfähig, dann kam eine Auflistung von Paragrafen aus dem Sozialgesetzbuch und etlichen Grundsatzurteilen hierzu.

    Der Storch rotierte am Spieße: Ich durfte also für EINE einzige Fehlleistung mit einer Dauer von 2 x 11 Minuten 100 Euronen hinblättern, nur weil das Gesetz es so wollte. Ganz schöner Stundenlohn.
    Herr Blüm hat Glück, dass er vor kurzem den Löffel abgegeben hat, ob es wegen Corona war, weiß ich nicht. Also macht es wenig Sinn, ihm diese Bewertung zu widmen, damit er sieht, was Raffgier und Gewinnorientierung aus seiner Idee gemacht haben


    Zum Abschluss an meine geschätzten Leser: Da ich ein böser Bube bin hat mir die Firma Golocal GmbH untersagt, Rückfragen im Kommentarstrang live zu beantworten. Da sie die Strippen zieht, um die Ventile zu öffnen bzw. zu schließen bin ich ausgeliefert, gedenke aber nicht, deshalb ein braver Bub zu werden.

    Allein die Wortwahl:

    „Dein Community-Vertrauensstatus
    Auf golocal.de wird ein fairer und freundlicher Umgangston groß geschrieben. Damit dies gewährleistet werden kann, haben wir ein System geschaffen, das unsere Community vor Netiquette-Verstößen schützt. Weitere Informationen...
    Aktueller Vertrauensstatus: Kritisch
    Tipp: Mach Dir wieder ein paar Freunde und zeig Dich von Deiner allerbesten Seite. Das Vertrauen in Dich kann wieder steigen, wenn Du positives Feedback von anderen Nutzern für Deine Beiträge erhältst.“

    ...lässt mir die Grausbirnen aufsteigen: Wer bin ich denn? Ein rotznäsiger Grundschüler in Sepplhosen, die der Herr Lehrer strammziehen darf? Das ist schon über ein halbes Jahrhundert her. Oder etwa der Großprotz JHWH, der unsereiner Urvater aus Dreck gebastelt haben will und ihm dann seine Lady aus dem Fleisch geschnitten hat, der Legende nach sogar mit Narkose.
    Dem Moses was in Hammer und Meißel diktieren konnte ja jeder, der olle Zausel freute sich wie ein Reporter, dass er was zu Schreiben kriegte und er sich verewigen konnte.

    Ich MACHE mir keine Freunde, mit Glück KRIEGE ich welche.

    geschrieben für:

    Sozialdienste / Pflegedienste in Kißlegg

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    3.

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    Jolly Roger Das ist ja wie zu -.....- Zeiten. So etwas geht doch gar nicht.

    Die Dienstleister sind für den Patienten da und nicht umgekehrt.

    Das ist unser soziales Kranke (n) system. Und nun sag mal, was zahlst du neben der Pflegekasse dazu?

    2060 € im Monat???

    Konzentrat Wenn es nicht um die Gesundheit unseres sehr verehrten dem.ges.gesch. gänge, ich würde lauthals loslachen.
    Wie aus "Die Erinnerungen des Stabsarzt Dr. Sowieso- Erlebnisse an der Ostfront" liest sich das, was man heute als "moderne Pflegedienstleistung" bezeichnet.
    ich hoffe nur, die Allgäuer Sturheit wird auch weiterhin zu Strapsgummihäkchen und Isolierband greifen lassen, sobald das Uniformierte entschwunden ist. Dauert ja nur 11 Minuten täglich :-)


  4. Userbewertung: 5 von 5 Sternen

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    Diese kleine Familienapotheke, die vom Inhaber und seiner Gattin mehr oder größtenteils alleine geführt wird, ist seit einigen Jahren meine Lieblingsapotheke. Sie ist von beiden Allgemeinärzten, die in jüngster Zeit die Gebrauchsspuren der Antiquität, die sich mein Luxusbody zu nennen beliebt, zuspachteln, per pedes erreichbar. Somit erübrigt sich eine erneute Suche nach einem Abstellplatz für die Kalesche, deren 105 Zossen in der engen Altstadt doch etwas auftragen.

    Die nun doch schon 5 Jahre andauernde Stammkundschaft, während der ich zu Beginn jedes Quartals einen Stapel roter Zettel mit fast immer den gleichen Inschriften vom höllischen Doktor die 200 Meter hinübertrug in meine Lieblingsapotheke führte doch allmählich zu einer gewissen Vertrautheit, sodass Frau D. mit der Zeit meinen persönlichen Bedarf an rezeptpflichtigen Giftstoffen an Lager legte. Zu meiner Überraschung auch das verderbliche Insulin, das im Kühlschrank aufbewahrt werden muss.
    Dies im Kontrast zum bisherigen Standard: „Des müss‘mer bschtelle, morge z‘ Middag isches do… Went Se’s glei zahla?“ – ICH nenne das Risikominimierung auf Kosten meiner Krankenkasse und meines Geldbeutels, denn wenn ich das Zeugs NICHT abhole, wird es vor Ablauf des MHD gewinnbringend, weil bereits bezahlt, an den Nächstbesten verhökert. Ich habe meine Vermutung mal angedeutet, und allein die stürmische Vehemenz, mit der dies geradezu beleidigend in Abrede gestellt wurde, erhärtete meinen Verdacht. Mal ganz abgesehen davon, dass zwischen meinem Domizil und Kißlegg hin und zurück rund 30 km zu fahren sind, was nicht nur Zeitverlust, sondern auch Betriebskosten für die 105 Zossen generiert. Und das nur, weil ein Händler sein Risiko auf den Kunden abwälzen will.

    Aber nicht so Frau D.: Mein Insulin lag immer im Kühlschrank, und wenn zufällig mal Laufkundschaft Bedarf hatte, kriegte er es und innerhalb von 24 Stunden lag frisches im Kühlschrank. So viel zur Standardversorgung.
    Wenn aber so etwas passierte wie das Vorlegen von Verordnungen, für deren Inschriften noch nie oder nur ganz selten Bedarf besteht, sollte man sich schon etwas in Geduld fassen, zumal der Apothekengroßhandel medizintechnisches Zubehör nicht führt und die Apotheke dieses auf krummen Wegen organisieren muss, was zwangsläufig mit Lieferzeiten verbunden ist. In diesem Fall gab ich die Verordnungen am Montagnachmittag ab, am Samstag rief mich Frau D. an, jetzt sei alles im Haus und könne abgeholt werden. Da mir am Samstagvormittag nie ein Untersatz mit Rädern zur Verfügung steht, vertröstete ich sie auf Montagnachmittag, es sei ja nichts Verderbliches dabei und so schnell stirbt sich’s nicht.

    Ich erwähne immer nur FRAU D., aber einen HERRN D. gibt es auch, er ist ja DER Apotheker, s.Z. Magister pharmaziae. Er, ein wirklich würdiger älterer Herr, etwas gebeugt und mit selbstleuchtend weißem Haar, kümmert sich ausschließlich im Hintergrund um Angelegenheiten seiner Profession, und zwar mit sehr bedächtigen und gemessenen Bewegungen, die seinem Alter wohl zustehen. Er überlässt den Kundenkontakt lieber seiner Gattin, die jünger und etwas fixer ist. Aber an einem Vorfall erlebte ich, dass immer noch ER der Meister ist:

    Der höllische Doktor verschrieb mir nämlich eine seiner berühmt-berüchtigten Pampen, die es im Handel nicht gibt, weil der Wirkstoff giftscheinpflichtig ist. Er brauchte 2 seiner roten Zettel, um die Zusammensetzung des Endproduktes zu dokumentieren, die legte ich in der Gallus-Apotheke vor. Große Augen, Debatte im Labor, von Fr. D. überbrachtes Resümee: „Den Wirkstoff müssen wir direkt beim Hersteller ordern, hoffentlich hat er ihn in der verordneten Menge vorrätig. Und wenn er da ist, muss mein Mann ihn strecken, wie der Doktor es verordnet hat. Das dauert noch einmal gut einen Tag, weil es arg umständlich ist.“ – Mir wurde himmelangst, was sollte denn dieser Aufstand bloß kosten? 3 Tage später fiel ich aus allen Wolken als Fr. D. mir das Büchsl mit der Pampe überreichte und mir dafür die obligaten 5 € Rezeptgebühr abknöpfte.

    Der Slapstick kam aus der Versenkung, als ich wieder zuhause war: Ich erbrach das Siegel ‚Nur von Herrn M.M. zu öffnen!‘ – schraubte den Deckel ab und blickte auf eine geschlossene Fläche mit einer kleinen Öffnung im Zentrum, viel zu klein selbst für den kleinen Finger. Aber wie sollte ich nun an meine zähe Pampe kommen.
    Wie war das noch mit Daniel Düsentrieb: ‚Dem Inschinör ist nix zu schwör…‘ – Am Ende trug ich doch den Sieg über die Tücke des Objektes davon. Aber erst nach einer guten Viertelstunde, nämlich als ich beherzt den seltsamerweise drehbaren Boden über den schwergängigen Anschlag hinaus würgte und sofort eine schneeweiße Raupe aus dem Loch im herauskroch. Lippenstiftmechanik.
    Aber wie Herr D. das zähe Zeugs in das atomschlagsichere Büchsl hineinpraktiziert hatte, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben.

    Abschließend möchte ich persönlich dem Wunsch Ausdruck verleihen, dass das betagte Ehepaar D. noch recht lange den Antrieb hat, ihr Lebenswerk fortzuführen. Dies nicht gerade uneigennützig, denn ich möchte mir auf meine alten Tage nicht nochmal eine Stammapotheke suchen müssen. Wer weiß, was DORT dann abgeht?

    geschrieben für:

    Apotheken in Kißlegg

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    4.

    Tikae Du bringst Medizin und Mediziner an und über Grenzen......
    Grandios beschrieben !


  5. Userbewertung: 5 von 5 Sternen

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    Das Aufsuchen dieser Doktorin, die gut ohne diesen Titel auskommt, geschah im engen Zusammenhang mit der Katastrophe in

    https://www.golocal.de/wangen/krankenhaeuser/westallgaeu-klinikum-4Qt4/bewertung/5oCh/#review

    und zwar als Konsequenz der Tatsache, dass sich mein höllischer Leibarzt den Hintern bös geprellt hatte, als er von seinem Zossen abgeworfen wurde und deshalb indisponiert war. Andererseits war die Dringlichkeit infolge der fahrlässig unterlassenen Nottherapie am Vortag durch den klinischen Notdienst nicht weniger geworden.
    Die Entscheidung fiel mir nicht gerade leicht, denn zu diesem Zeitpunkt saß ich noch einem Vorurteil auf, das meine Holde im Zuge der Ereignisse gepflanzt und fleißig gegossen hatte: Frau Berg sei keine Ärztin für mich, sie sei herrisch und arrogant, mit ihr sei kein Auskommen. Dass Madame dasselbe auch ständig über meinen höllischen Doktor aussagte, hätte mir eigentlich in den Sinn kommen müssen. IHM bin ich seit 19 Jahren treu, eben WEIL ich mich mit ihm rumstreiten kann, wenn es um Therapie geht. Als Diagnostiker ist er einsame Klasse und wenn er mir mal stressbedingt arrogant kommt, kriegt er umgehend diesen Zahn gezogen. OHNE Narkose.
    Aber es half nix durch dieses Vorurteil musste ich durch, also rief ich in der Praxis von Frau Berg an. Das Zauberwort, dass Doc Höll mein Hausarzt ist und ich ein akutes Weh habe, das ich eigentlich nicht verschleppen möchte, öffnete mir bei dem noch unbekannten Vorzimmerdrachen sämtliche Türen und schloss den Terminkalender: Ob ich denn etwa in 2 Stunden da sein könnte? Ups!!!!!

    Ich war pünktlich und auch ‚gschninzt un kampelt‘, wie eine hygienische Runderneuerung hier im Allgäu heißt, der ‚Drachen‘ entpuppte sich als freundliches und für hiesige Verhältnisse recht attraktives Mädel. Die unvermeidliche Bürokratie gestaltete sich etwas umfangreicher als gewöhnlich: Sie rief bei der ‚Konkurrenz‘ an und beantragte das Faxen der dort bereits vorliegenden Befunde, dann komplimentierte sie mich direkt ins Behandlungszimmer, die Chefin käme gleich.
    DIESES ‚gleich‘ entsprach in etwa dem Zeitraum, den sich Otto Normalverbraucher darunter vorstellt: Nach ein paar Minuten kam eine recht hübsche Frau in mittlerem Alter in Räuberzivil mit einem Schwung Unterlagen herein. Ihre Ausstrahlung von Dominanz war nicht zu überspüren, aber ich wollte sie ja nicht heiraten, und Selbstbewusstsein würde mir die Herablassung ersparen, der ich tags zuvor ausgeliefert gewesen war.
    Als sie meine Bloßfüßigkeit bemerkte, verengten sich ihre Katzenaugen und bauten eine senkrechte Stirnfalte auf: „Sind Sie lebensmüde? Ein einziger spitzer Kiesel kann einen Diabetiker Ihres Formates ganz schnell das ganze Bein, wenn nicht das Leben kosten!“ – „Umso wichtiger, mit offenen Augen durch den Rest des Lebens zu gehen…“ – rechtfertigte ich mich halbherzig, denn DAS war auch mir klar.
    Doch nun kam sie zur Sache: „Aus den Unterlagen des Kollegen Höll schließe ich, dass Sie unter einem ausgewachsenen Lymphödem leiden, was unter der aktuellen Sommerhitze höchst belastend sein kann.“ – Nun war es so weit: Ich reichte ihr den Bericht des Assistenz-Notarztes vom Vortag über den Tisch, sie las ihn durch und konstatierte lakonisch: „Menschliches Versagen, mehr gibt es dazu nicht zu bemerken. Ich kann auch nur beten, dass mein Erfahrung und der berühmte nasse Daumen des niedergelassenen Arztes der klinischen Technologie überlegen ist.“ –

    „Da sind Sie nicht der erste Arzt, der das zu mir sagt, auch wenn sich Ihr Vorredner vor 20 Jahren etwas drastischer ausdrückte: ‚Wenn WIR an der Front erst anfangen zu messen, wenn ein Kunde über Bauchweh jammert, dann ist er morgen tot.‘ – Diese Ansage hat mich tief beeindruckt.“ – „Sie trifft ja auch immer noch den Nagel auf den Kopf. Aber was ich JETZT mit Ihnen mache, wird Ihnen wohl nicht besonders gefallen, schon wegen der herrschenden Temperaturen: Sie kriegen von mir stramme Wadenwickel verpasst, das Gewebewasser muss um jeden Preis nach oben gepresst werden. Und sie müssen laufen, laufen, laufen! Denn was kaum jemand weiß, der Rücklauf des verbrauchten Blutes wird nicht vom Herz veranlasst, dessen Saugleistung eng begrenzt ist, dafür ist die frisch versorgte Muskulatur zuständig.
    Um den Kreislauf in den Beinen in Bewegung zu halten müssen Sie entweder liegen oder laufen. Und von mir kriegen Sie jetzt das Zubehör für besagte Wadenwickel plus eine Verordnung für das korrekte Anlegen und Abwickeln der Beine durch einen mobilen Mitarbeiter einer Sozialstation. Sehen Sie zu, dass sie damit so bald wie möglich beginnen können!“

    Eine tolle Frau und eine Ärztin nach meinem Herzen: Offen, ehrlich, gesprächsbereit und dennoch bestimmt. Was nützt mir ein väterliches Seelenstreicheln als Tarnung für ‚Ich habe ja auch keine Ahnung‘ und folglich nur behutsames Therapieren von Eskalationen. Mein Hausarzt, der mich seit mittlerweile 19 Jahren kennt und weiß, dass ich einiges aushalte, tut es nie unter der stärksten Medizin aus seiner Gruschtkiste und verlässt sich darauf, dass ich sie ihm bei Auftreten massiver unerwünschter Nebenwirkungen prompt um die Ohren haue. SO geht Medizin nach meinem Herzen.

    Dass es im Anschluss an diese seelisch aufbauende Konsultation nicht annähernd so flott weiterging, wie sie es angedacht haben mochte, hat sie meiner Ansicht nach nicht zu verantworten, deshalb gibt es von mir ein ‚Sehr zu empfehlen‘ bevor die Geschichte mit der Bewertung des Zubehörlieferanten, einer kleinen Familienapotheke ‚ums Eck‘ fortgesetzt wird.

    geschrieben für:

    Fachärzte für Allgemeinmedizin in Kißlegg

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  6. Userbewertung: 2 von 5 Sternen

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    Dieser Beitrag beginnt mal ganz anders als gewohnt, nämlich mit einer Kette von Konjunktiven, also 'hätte, täte, sollte, könnte gewesen sein' - war aber nun mal nicht.

    HÄTTE ich an diesem bewussten glühend heißen Sonntagnachmittag, als mein rechtes Bein unterhalb des Knies in einer Schmerzexplosion 'aufflammte', die Idee gehabt, auf die Fahrt in die nächstgelegene medizinische Notfallversorgung in 22 km Entfernung, mein Schlapptop mitzunehmen, um mir während der Fahrt die Website
    https://www.oberschwabenklinik.de/stationaere-medizinische-versorgung/klinik/alle-kliniken/notaufnahme/wangen/top-themen.html
    und ihre Querverweise reinzuziehen, WÄRE mir viel Kummer und ein Riesenberg Frust erspart geblieben. Aber wer kommt schon schmerzgeplagt mit schwimmenden Augen auf so eine Schnapsidee?

    WÄRE nämlich nicht zufällig Sonntag gewesen, HÄTTE ich, anstatt mich in meine Kalesche zu setzen und auf verkehrsarmen Nebenstraßen sehbehindert in o.a. ambulanten Notdienst zu navigieren, meinen höllischen Leibarzt angerufen, um mir von seinen Mädels sagen zu lassen, dass dieser vom Pferd gefallen war und sich den Popo gestaucht hatte, wie schon in
    https://www.golocal.de/leutkirch/dialyse/dialyse-apheresezentrum-leutkirch-8ZILA/
    erzählt. Dann HÄTTE ich nämlich anders disponiert und via 112 den Notarzt mobilisiert.

    Aber nein, man war ja ein Indianer mit deutscher Staatsbürgerschaft, der bekanntermaßen keinen Schmerz zu kennen hat, also nix wie rein ins zweifelhafte Vergnügen, durch den Wolf der sonntäglichen Notfallmedizin gedreht zu werden.
    Ich kannte die strenge Hausordnung schon aus früheren Inanspruchnahmen diverser Angebote, die die Parkplätze am Haus für die Damen und Herren Doktores und die leitenden Papiertiger reserviert und leidende ‚Kunden‘ auf den gebührenpflichtigen Besucherparkplatz verweist und fast 1 km bergauf wanken lässt. Natürlich kann man sich auch von einem großen ‚Taxi‘ mit Blaulicht und lauter Hupe vor den Lieferanteneingang karren lassen, und wenn man durch die Luft anreist, wird man sogar am Parkplatz des fliegenden Vehikels abgeholt.
    Doch der o.a. Indianer schlich standesgemäß barfuß über den glühenden Asphalt bergan zum Hauptportal des Hauses. Bloßfüßig deshalb, weil es für die Nilpferdfüße keine Konfektion im einschlägigen Handel gab und der Leib- und Magen-Schuhmachermeister nun mal gewisse Lieferzeiten für Maßanfertigungen hatte.

    Es gelang mir, ohne Brandblasen an den Sohlen die fleißig rotierende Menschenschlangenfräse zu erreichen und betrat mit einem Stoßgebet an die Sicherheitstechnik der Vorrichtung den Erfassungsbereich. Diese funktionierten tatsächlich und nach 3 Mal geschubstwerden landete ich im Foyer des Hauses und verharrte erstmal aufatmend auf den ‚eisgekühlten‘ Marmorfliesen. Subjektive Sensorik arbeitet nun mal relativ, sonst könnte sich die Menschheit einen Großteil ihrer Technologie sparen.
    Wenn sich auch schon eine Menge meiner Sensoren verabschiedet haben oder zumindest stark schwächeln, der Riechkolben tut’s immer noch, insbesondere wenn er etwas erfasst, worauf er fürchterlich steht, Äther zum Beispiel. Und hier im maschinengekühlten Foyer roch es klar und eindeutig nach Ozon, O3 ist giftig, aber hier spricht der alte Dr. Paracelsus ein gewichtiges Wort mit: Der Mensch hat eine gewisse Tonnage, Bazillen auch, aber diese unterscheiden sich in einem ganz wesentlichen Punkt, nämlich in der Größenordnung. Also ist ein einzelnes O3-Molekül für einen Bazillus unbedingt tödlich während ein Mensch es nicht einmal riecht. Also würde ich mir hier im Haus wahrscheinlich nichts Zusätzliches zu meinen Wehwehchen einfangen, zumindest wurde etwas zur Entkeimung der Atemluft getan.

    Die beiden einsamen Mädels hinter dem riesigen Tresen fixierten mich neugierig, vermutlich wurde schon eine stehend freihändige Diagnose erstellt. Ich versuchte es mit Winkewinke und einem Lächeln - Volltreffer - das strahlende Echo wärmte das alte Herz nicht unerheblich. Aber ich war ja nicht zum Mädels angraben hier, rang nach freundlicher Sachlichkeit und schilderte, was nicht ohnehin offensichtlich war und fragte ganz vorsichtig, ob es nicht doch eine europäische Variante von Elephantiasis gäbe, die mich da erwischt hat.
    Nein, war nicht bekannt, und da man nicht so recht wusste, wo ich bzw. mein Aua einzuordnen war, ging es nun los mit Telefonieren: Orthopädie lehnte ab, nicht ihr Fall. Dermatologie war nicht besetzt, eigentlich logisch. Die Haut machte keinen Ärger, der innerhalb von Stunden therapiert werden MUSSTE. Dass meine Beine kein Fall für die Kardiologie waren, leuchtete selbsttätig ein und nach einem Weilchen kristallisierte sich die allgemeine Notaufnahme zwecks Erstellung einer Diagnose heraus und ich wurde dort als Zugang angemeldet.

    Der Weg dorthin war hervorragend ausgeschildert, was nicht verkehrt war, denn diese Abteilung befand sich in DEM Teil des Gebäudes, das die kürzeste Distanz zum Hubschrauberlandeplatz aufwies. Dort wurde ich von einer jungen Lady empfangen. Wenn ich mal hochgucken muss, um die Augen zu sehen, ist es kein Mädel mehr.
    Nach der üblichen Bürokratie erfolgte SEHR gezielt und sachkundig die Anamnese, also die Inquisition nach eventuellen Vorerkrankungen und bis dato getroffenen Diagnose- und Therapieversuchen. Dass auch SIE mein Blut wollte, erklärte sie mir kurz damit, dass das Haus ein eigenes Labor hätte und es IMMER von Vorteil wäre, wenn die Blutsenkung frisch zur Analyse kommt, dann ist diese am präzisesten. Als sie das dazu erforderliche Besteck zusammenstellte, stiegen mir angesichts der ‚Bohrmaschine‘ schon die Grausbirnen auf: Als Insulinjunkie bin ich ja Nadelkummer gewöhnt, aber DIESEM Teil war ich schon verschiedentlich begegnet: Es wird Braunüle genannt, sah aus, als hätte es einen eigenen Antrieb und könnte bei Bedarf auch fliegen. Der Durchmesser der schweinchenrosa Plastiknadel ging schon sehr in Richtung beängstigend (knapp 2 mm).

    Da war doch was mit dem ‚Indianer‘? Es ist nicht unbedingt so, dass ich GAR nix aushalte, aber ich schätze es schon sehr, wenn der Schmerz irgendwann wieder nachlässt. Und so wie ich die Gewohnheiten der Mediziner bei Verwendung eines solchen Plastikmonsters kenne, wird nach der Entnahme des kostbaren Blutes das Teil verkorkt und im Fleisch zwecks späterer Wiederverwendung belassen. Eine solche sah ich aber nicht, also trat ich in Verhandlungen mit der jungen Riesin. Aber „Nein, ich habe keine Stahlnadeln hier, tut mir leid…“ – Mist!
    Doch nun tat sie etwas, was ich noch nie erlebt habe: Sie tastete beide Ellenbeugen ab. – „Na diese Venen sind ja ganz schön vernarbt, wie das?“ – „Seit gut 10 Jahren eine Blutsenkung pro Quartal, das hinterlässt Spuren, auch wenn es nur 1,2 mm Stahlnadeln sind und Ihre Kolleginnen beim Hausarzt recht begabte Vampire sind, die das Ziel auf Anhieb treffen.“ – „Das freut mich, dass Sie offenbar keine Nadelphobie gießen, aber für diese leider recht auftragende Braunüle brauche ich ein elastisches Plätzchen“ – Ich kapierte, was sie meinte und bot ihr den linken Handrücken an, auf dem sich die Venen prächtig abzeichneten.
    Sie war skeptisch: „Das wird aber weh tun…“ – „Nur zu, sie kennen doch die Weisheit aus München: ‚A Guata hoits aus, um kaan Guatn is net schod.‘ – Bis jetzt war ich immer noch guat.“ – „Nein, kenne ich nicht, aber ich weiß, was Sie meinen.“ – Zwei Minuten später sah mein Handrücken aus wie ein Flugplatz mit parkendem Kampfflieger, der mit Gewebeband angedübelt war, damit er nicht ausbüxte.

    Damit endet der erfreuliche Teil meiner Notkonsultation der Titellocation. Die junge Frau geleitete mich in einen Raum, der wohl der weiteren Untersuchung diesen mochte und ließ mich dort allein. Ich sah es ihr nach, denn SIE als Profi war von dem kurzen Blick in eine Art Not-OP-Saal mit Sicherheit nicht so erschüttert worden wie ich: Dort lag leblos eine SEHR alte Frau und war mit zahllosen Leitungen und Schläuchen an die Lebenserhaltungmaschinerie angeschlossen. Ein junger Mann im blauen Mantel sinnierte vor sich hin, vielleicht was er NOCH für die Frau tun könnte. Die Ärmste war in einer Situation, in die ich niemals zu kommen hoffe.
    In ‚meinem‘ OP-Saal hatte ich jetzt eineinhalb Stunden Zeit, über Leben und Nichtmehrleben zu philosophieren, aber es kam immer das gleiche heraus: KEIN Geradenochleben bitte. Plötzlich bog der bereits gesichtete junge Mann vom Gang in die offen stehende Tür, er wirkte wütend, warum auch immer. Er scannte mich von oben bis unten, holte das frisch erstellte Blutbild auf den obligaten Bildschirm, dann fuhr er mich an: „Haben Sie auch nur die leiseste Ahnung, wo Sie hier überhaupt sind? Ihnen fehlt rein gar nichts!“ – Das reichte, jetzt wurde ich pampig, den Hackstock für seine miese Sonntagsdienstlaune zu machen fehlte mir gerade noch: „Sie haben recht, FEHLEN tut mir nichts, ich habe einiges zu viel, was gestern noch nicht da war. Und außerdem befinde ich mich genau an dem Ort, der mir durch mehrere Schleusenwärterinnen freundlich zugewiesen wurde.“ – Wohl eine Handvoll Schwarzpulver in sein Feuer, ein Patient, der es wagt, seiner Allmacht zu widersprechen und auch noch Recht zu haben.

    Ohne mich weiter zu beachten, begann er hektisch auf seinem Keyboard rumzufingern. Hierbei entstand wörtlich folgender Befund:
    Anamnese: Berichtet seit 1 Jahr über geschwollene Beine. War mehrfach beim Hausarzt, habe seit einiger Zeit Diuretika eingenommen, daraufhinhabe sich die Nierenfunktion verschlechtert. Dieser schickte sie zur Nephrologin, dieser Befund steht wohl noch aus, ebenso habe er im September einen Termin beim Phlebologen. Daraufhin stellte er sich bei uns in der Notaufnahme vor.
    (Dieser Absatz ist buchstabengetreu abgeschrieben, um zu demonstrieren, dass ein korrekter Gebrauch unserer schönen Sprache u.U. auch für gebildet zu sein Habende reine Glückssache ist.)
    Es folgten dann noch technische Angaben, z.B. das leichte Fieber mit 37,8°C und zum Schluss die Anmerkung: „Beinödeme beidseits, keine Überwärmung, keine Rötung.“ – Mit Letzterem hatte er nicht unrecht, die Schienbeine schillerten in allen Farben von gelb über rot nach grün bis blau.
    Er druckte sein Traktat aus, unterschrieb es und drückte es mir in die Hand. Dann riss er die Braunüle samt Gewebeband mit einem Ruck vom Handrücken und belegte mich mit einem Fluch, als das spritzende Blut seinen Mantel bekleckerte. Dann kriegte er es gerade noch hin, mir eine Kompresse zuzuwerfen, bevor er mit wehendem Mantel hinausrauschte.

    Tief beeindruckt von so viel Selbstherrlichkeit eines Assistenzarztes (laut Impressum des Berichtes) schlich ich in die Rezeption, um mich von den beiden Hübschen trösten zu lassen. Das synchrone Verleiern zweier Augenpaare zum Himmel auf meine Frage, was für ein seltener Vogel der heutige Notarzt sei, war mir ein innerer Reichsparteitag. Ich löcherte die beiden nicht weiter, um sie nicht zu kompromittieren, sondern ließ mich von der Menschenschlangenfräse hinaus in die immer noch glühende Luft schubsen.

    Über die 3 Euro Parkgebühr mochte ich mich schon gar nicht mehr ärgern, auf der Heimfahrt erstellte ich einen Schlachtplan für das weitere Vorgehen, um den Trichter dieser medizinischen Fehlleistung einzuebnen. Aber dessen Umsetzung ist mir eine weitere Geschichte wert.

    Warum ich einen zweiten Stern spendiere ist leicht nachzuvollziehen: Das persönliche Versagen des an diesem Tag warum auch immer leitenden Notarztes soll nicht auf die ganze Einrichtung ausgeweitet werden, in der ich auch schon gute Erfahrungen gemacht hatte. Zudem waren die beiden netten Mädels an der Rezeption, die fleißige Zweimeterschwester und die erfrischende Klimaanlage Balsam für die schmerzende Seele, das ist mir auch etwas wert.

    geschrieben für:

    Krankenhäuser / Ärztliche Notdienste in Wangen im Allgäu

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    6.

    Tikae OMG !
    Sowas sollte man keinesfalls früh auf nüchternen Magen lesen.
    Und schon gar nicht erleben müssen......
    ubier „Der Patient auf 21 ist gestorben.“
    „Der Simulant? Jetzt übertreibt er aber...“

    Ich wünsche ausdrücklich gute Besserung!
    Jolly Roger

    Ubier, Simulant oder Hypochonder?

    Der deutsche Popsänger und Liedermacher Heinz Rudolf Kunze (63) steht dazu, ein Hypochonder zu sein. Er simuliert nicht nur....



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    Diese Bewertung schließt in der Ereigniskette unmittelbar an

    https://www.golocal.de/leutkirch/dialyse/dialyse-apheresezentrum-leutkirch-8ZILA/

    also an die Empfehlung der dortigen Doktorin, ihren Kollegen von der Schwesterfakultät Angiologie/Kardiologie im Mutterhaus in Memmingen aufzusuchen, um die Quelle für das literweise Wasser in den unteren Extremitäten, das dort nix zu suchen hatte, ausfindig zu machen. Und ich solle das nicht verbummeln, sie habe das Gefühl, dass sich da was Bedrohliches anbahnt, was mich im zweitschlimmsten Fall die Beine kosten kann.
    "Und im ERSTschlimmsten Fall?" - "Das Leben" - UPS?!!?

    Nun, mein Schwager (RIP), seines Zeichens Dorfdoktor in GR und leidenschaftlicher Humanist, sagte eines Tages zu mir: "Jedes Lebewesen trägt eine Krankheit in sich, die mit dem ersten Schrei ausbricht und zu 100 % tödlich verläuft. Sie heißt 'das LEBEN...'
    Diese Binsenwahrheit gab mir zu denken, aber anstatt einen Vertreter des inkompetenten Bodenpersonals des weder Allmächtigen noch Allwissenden und schon gar nicht Ewigen aufzusuchen, ging ich in mich und räumte ein bisschen mit Vorurteilen auf. Dies geschah schon vor gut 20 Jahren und seither lebt es sich erheblich ungenierter. Sprich: Ich hänge nicht um jeden Preis am Leben, aber SO deppert, wie Frau. H. vorschlug, möchte ich den Löffel doch nicht abgeben, es könnte ja weh tun.

    Aber so schnell stirbt sich's nicht, solange keine externe Gewalteinwirkung stattfindet, und dieser Ansicht war die aufregend rauchige Stimme am Telefon beim Versuch, einen Termin zu ergattern, auch. Wir einigten uns auf einen Tag 10 Wochen in der Zukunft, da hätte sie bei Dr. W. noch ein Fensterchen frei, und zwar um 7 Uhr morgens. Aha, das heißt also telefonische Vereinbarung außerhalb der Öffnungszeiten. Mir war es recht und prompt kriegte ich die erstaunte Rückfrage: "Ehrlich?". Als ich meine 'normale' Aufstehzeit 3 Uhr nannte, war man entsetzt. Mädel = Morgenmuffel (90%, meine persönliche Erfahrung)

    Ich war pünktlich an der Rezeption in der Donaustraße 78, gab mich zu erkennen und bekannt, dass ich mit Herrn Dr. W. verabredet sei. – „Der ist nicht bei uns.“ – „???“ – „Hier ist die Dialyse und Nephrologie, Dr. W ist Kardiologe und praktiziert um die Ecke in der Schwabenstraße.“ – „Und warum steht das nicht in eurer Homepage?“ – „Keine Ahnung, aber ich bin doch auch noch da, ist das nix?“ – „Dochdoch, auf jeden Fall…“ – Das meinte ich ehrlich, denn das Mädel war eine Augenweide. Sie erahnte wohl die kaum verhohlene Bewunderung, deshalb kriegte ich einen Bonus: „Sie können auch hier heroben durchgehen, ist gar nicht schwer.“

    Es folgte die mündliche Übergabe des roten Fadens, den Prinzessin Ariadne vor 3200 Jahren ihrem Lover Theseus schenkte, damit er den Weg durch das Labyrinth ihres Vaters findet, um dem Minotaurus den Garaus zu machen. Armer Minotaurus. Aber ganz klappte das nicht: Das hübsche Schätzchen war nicht von Adel und ich kein Held, also verfranzte ich mich ordentlich in dem modernen ‚Spiegelkabinett‘ und musste mich weiter durchfragen. Aber ich wollte ja auch keinen Drachen töten, sondern nur das andere Schätzchen mit der rauchigen Stimme finden. Und siehe da, sie hatte sich vermehrt, es waren gleich DREI am Ziel. Das Verhandeln um die Aufnahme in die Praxis machte ein blonder Sopran, die pechschwarze Bohnenstange mit der tollen Stimme schleppte mich in ein Kämmerlein und schickte sich an, mich auseinanderzunehmen: Blutdruck, Puls, BMI, Äquator, Achslänge etc. Nein, ausziehen müsste ich mich nicht, lachte sie, das käme noch.

    Das dauerte aber nicht lange. Nämlich als sie mich in ein Schwesterlein der schon aus Leutkirch bekannten Dunkelkammer komplimentiert hatte, hieß es diesmal liebenswürdiger als dort, mich sämtlicher Textilien zu entledigen und auf der Stressliege Platz zu nehmen, der Doktor käme gleich. Aber mir kam der Verdacht, dass DIESES ‚gleich‘ eine andere Maßeinheit hatte als in Leutkirch, denn fürsorglich wie dereinst Mama deckte sie mich zu und ließ mich allein.

    Die Geräuschkulisse in der sterilen Kammer war zumindest einschläfernd: Die Klimaanlage brummelte, der Kühllüfter des Echolot säuselte, das Rotlicht an der Decke hypnotisierte, es war muggelig warm unter der schweren Decke: Filmriss…
    Jahrhunderte später katapultierte mich eine dynamische Männerstimme aus dem Nirwana zurück ins wahre Leben: Der Doktor, ein sympathischer, Kompetenz ausstrahlender Mann um die Mitte 40 hielt sich nicht mit langen Vorreden wie etwa ‚Wie geht es Ihnen?‘ oder ‚Was kann ich denn für Sie tun?‘: Er war von der Leutkircher Kollegin bereits umfassend informiert, angelte eine Sonotrode aus der Halterung an seiner Maschine, bekleckerte sie mit dem ‚iiiiieks kahahalt‘-Gelee und pflanzte sie in meine Magengrube. Dann drehte er an einem Regler bis ein Geräusch ertönte, als würde eine große Säge einen Pflasterstein zerteilen wollen.

    Mütter und auch Väter, die sich nicht nehmen ließen, die Geburt ihres Kindes mit ihrer Anwesenheit zu feiern, kennen dieses nervenzerfetzende Geräusch, wenn der Echolotspezialist im Kreißsaal kurz vor der Entbindung den Nachweis führt, dass der zukünftige Erdenbürger lebt und sich die 9-monatige Arbeit der Eltern erfolgreich dem Ende nähert. Die moderne Technik macht es möglich, dass er via Dopplersonar den Blutfluss des Kurzen im Mutterleib hörbar macht.
    Ich erinnere mich an sein Grinsen, als er die schemenhaft sichtbar gemachte Gestalt unseres zukünftigen Kindes abtastete, ob auch alles da ist, was zu einem Menschen gehört und plötzlich stutzte. Er hob etwas hervor, das einem Fuß gleichsah und schaltete ein Raster darüber: „Du lieber Himmel, das Mädel hat ganz schöne Quadratlatschen!!!“ – Tatsächlich hatte unser Kind immer 2 Schuhgrößen mehr als alle anderen seiner Altersgruppe. Aber das schadete nichts, heute ist es mit 23 Jahren 2 m groß und steht mit Größe 44 fest auf beiden Füßen.

    Aber hier, auf diesem Altar ging es um MEIN Blut, das machte die Sache sehr persönlich. Nun flog die warme Decke sonstwohin und der Doktor fuhrwerkte auf meinem ganzen Luxusbody hoch und runter, die Musik wechselte blitzschnell die Tonarten und das ‚Blip…blip…blip‘ des Speicherns nahm an Kadenz stetig zu = der Doktor kreiste etwas ein, was ihm verdächtig erschien. Und dann hatte er es und ging in die Tiefe meines Gekröses, d.h. er presste die Sonotrode mit aller Kraft auf den rechten Unterbauch und schimpfte: „Sie haben sehr viel Luft im Darm, ich krieg das Bild nicht eindeutig scharf…“ – Darauf wusste ich spontan die Antwort: „Und wenn sie die noch lange dort in der Gegend herumschieben, kann ich sie irgendwann nicht mehr halten.“ – „Nur zu, das Fenster ist offen, vielleicht hilft das Abblasen auch mir weiter.“

    Aber nun, da ich die „Erlaubnis“ hatte, funktionierte das Ventil nicht mehr. Seltsame Reflexe falscher Erziehung. Aber er kam auch so zum Ziel: „Da ist was ganz tief in Ihrer rechten Leiste, was aussieht als wäre die Frischblutversorgung des rechten Beines etwas wackelig. Darüber reden wir gleich in meinem Büro, wenn Sie sich wieder draußen sehen lassen können.“ – Er spendierte mir ein großes Frotteetuch, um den halben Liter Geleegeklecker von mir abzuwischen und ließ mich allein.

    Eine halbe Stunde später eröffnete er mir, dass die Arterie des rechten Beines im Vergleich zum Normalzustand offenbar etwas verknotet ist. Das schließt er daraus, dass sich die Fließgeschwindigkeit des Blutes am Bein entlang hinunter mehrfach ändert, und ganz oben in der Leiste ist sie am höchsten. Das sagt ihm, dass da eine Engstelle sein muss, die er mit seinem Sonar nicht eindeutig definieren kann, was man aber unbedingt sollte.

    Da er über meinen täglichen Giftcocktail bereits informiert war, der einen bewährten Cholesterinhemmer enthielt, schloss er Kalkansatz fast aus, aber er verpasste mir einen Blutverdünner, und zwar 100 mg Aspirin täglich, damit die Suppe erstmal leichter durch diese Engstelle kam. Und er empfahl mir dringend, einen Gefäßchirurgen aufzusuchen, der die Beinarterie näher analysiert, was da los ist. Er versprach, diese Empfehlung auch mit der nötigen Dringlichkeit meinem höllischen Leibarzt schriftlich rüberzubringen.

    Und ich solle mich auch selbst überwachen: Wenn in den Beinen plötzlich Schmerzen auftreten, die KEINE Krämpfe sind, dann ist das ein Protest der Muskeln, die über Futtermangel klagen. Denn zum Arbeiten brauchen sie Kohle und Sauerstoff und beides wird mit dem Blut hergekarrt. Wenn das Blut stockt, warum auch immer, gibt’s nix zu futtern, also wird gestreikt.
    Wenn so eine schmerzhafte Lähmung länger als ein paar Minuten anhält, tut Eile not, ich muss auf den OP-Tisch, bevor das Bein verhungert und abstirbt. DAS geht über den Notruf 112 am schnellsten, also nicht schüchtern oder gar ein Held sein wollen, mit einem Infarkt ist nicht zu spaßen, der kann ganz schnell das Bein kosten.

    Zum Abschluss machten wir noch ein Date: Wenn der Gefäßchirurg mit seinem Job fertig ist, möchte ER gerne meinem Herz zuschauen, ob es auch richtig arbeitet. Schließlich ist es die Zentrale des Kreislaufes, und dieser ist bei mir ganz eindeutig gestört.


    Da dies hier eine Bewertung ist, kann ich zum Abschluss nur eine Empfehlung aussprechen: Das Internistische Fachärztezentrum Allgäu mit der multifunktionellen Zentrale in Memmingen und den Ablegern in Leutkirch und Mindelheim macht auf mich einen hochkompetenten Eindruck und was mir ganz besonders imponier: Man ist ehrlich, was die Grenzen der lokalen Möglichkeiten angeht und pfröpfelt nicht egomanisch im Nebel herum, sondern reicht den Ratsuchenden weiter.
    7.



  8. Userbewertung: 5 von 5 Sternen

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    Keine Angst, noch ist es nicht so weit, aber wenn man langsam vom Dino zum Drachen konvertiert ist, beginnt man Wehwehchen zu sammeln, die schlussendlich in einer konzertierten Aktion zur finalen Fossilwerdung führen. Aber bis dahin klammert man sich an den kümmerlichen Rest des ohnehin schon viel zu langen Daseins auf diesem unwürdigen Planeten, indem man die Segnungen der zeitgenössischen Medizin weidlich nutzt. Jedenfalls zumindest, solange die Kasse, in die man ein Leben lang eingezahlt hat, dafür aufkommen muss, weil das Grundgesetz unserer Republik es so will.

    In diesem Fall war konkret Folgendes passiert: Im Juli 2019 schwollen meine unteren Extremitäten, die ich bis dato zur Fortbewegung ohne maschinelle Unterstützung in Gebrauch hatte, monströs an und als sie dem Vergleich mit denen eines Hippopotamos in der Stuttgarter Wilhelma locker standhielten, die Haut sich spannte wie ein Kinderluftballon und das Jucken die Grenze des Erduldbaren erreichte, wurde es Zeit, sich medizinisch beraten zu lassen: WAS ist das und ist ein Kraut dagegen gewachsen?

    Unglücklicherweise war der höllische Haus- und Hofdoktor im Krankenstand: Er war von seinem Zossen gefallen und hatte sich den Po böse geprellt. Man gönnt sich ja mit 60 Jahren sonst nix als einen Quarter, ein Westernpferd, das ohne Sattel und Zaumzeug geritten werden kann, die Erziehung machts. Aber wenn man so einem mit dem standesgemäßen Stetson auf den Arsch klopft, damit er selbigen endlich bewegt, passiert auch gerne mal Ungewolltes: Der Gaul hatte keine Lust, statt seine Gräten vorwärts zu bewegen, tat er selbiges vertikal und mangels Sattel rutschte der Doktor nach hinten runter und bremste den Fall erst mit dem Aufschlag seiner Sitzfläche auf dem harten Boden. Nach meinem Dafürhalten hatte er Glück, dass ihm sein Eigentum nicht auch noch die hinteren Hufeisen vor die Stirn hieb. Aber das nur am Rande für die Schadenfreude.

    Seine Mädels wussten auch nicht weiter und schickten mich in die Notaufnahme der Oberschwabenklinik, Filiale Wangen im Allgäu, dort könnte man mir sicherlich helfen. Pustekuchen, die Inkompetenz und Lustlosigkeit des dort diensthabenden Assistenzarztes ist mir eine eigene Bewertung wert, und mit Sicherheit keine mit 5 Sternen. Ich verließ die OSK mit einem Entlassungsbericht, der jeder Beschreibung spottete und alles, was mir so Kummer bereitete, in Abrede stellte. Das Original dieses Berichtes befindet sich in meiner Hand, der Quacksalber war dumm und borniert genug, mir den Beweis für seine Fehlleistung in die Hand zu drücken. Das nicht gesiegelte Kuvert war für mich kein nennenswertes Hindernis, mir den Bericht zu Gemüte zu führen und auszurasten.

    Ich kopierte den Bericht und brachte ihn den Mädels vom höllischen Doktor zwecks Archivierung. Man war entsetzt und NUN hatte die ältere der beiden Häschen eine Idee: Sie stellte mir eine Blanko-Überweisung in das Titelinstitut aus. Argument: Soweit SIE die Sache mit dem Wasser in den Beinen kennt, kann die Ursache beginnendes Nierenversagen sein, bei mir als Diabetiker nicht abwegig. Ich genoss also den unbestreitbaren Vorteil, in dieser Praxis seit 2001 regelmäßig die Tür zu bewegen, um mich mit dem Doktor in die Haare zu kriegen. Der Spaß daran ist der eigentliche Grund, warum ich ihm treu bleibe, denn meine Kritik motiviert ihn zu Höchstleistungen. Er fand zum Beispiel die wahre Ursache für meine Stimmungsschwankungen, an denen sich ein FA. für Psychiatrie 2 Jahre lang die Zähne ausgebissen hat.

    Mit dem gelben Überweisungsschein in der Hand machte ich mich auf die Suche nach einem FA. für Nierenkrankheiten, lief aber überall ins übliche Messer: „Waren Sie schonmal bei uns?“ – Eine geistlosere Frage gibt es fast nicht. Wenn ich nach der Namensnennung sage, dass ich umständehalber auf der Suche nach einem/r Fachmann oder -frau bin, ist doch diesbezüglich alles gesagt. Aber der Slapstick geht noch weiter: „NEIN??? In DEM Fall kann ich Ihnen frühestens einen Termin in einem halben Jahr anbieten…“ – ‚Lieber Vorzimmerdrachen, ich habe das Aua JETZT und nicht in einem halben Jahr.‘ – Das sagte ich dem bornierten Fratz natürlich nicht ins Ohr, sie hatte ihre Direktiven, wozu auch gehörte, den Chef nicht mit solchen Kinkerlitzchen zu belästigen. Also eine sogenannte Zwickzwack, ein Fuchseisen, das sich selbst gefangen hatte und nur noch verschrottet werden kann.

    Bis hierher war es nur Spaß, letztlich wurde ich dann doch fündig, also konkret zur Sache: Damit potenzielle Interessenten das kurzfristig aufnahmebereite Institut auch finden, hier eine Lokalisierung per G-Earth:
    https://www.google.de/maps/place/Bahnhof+11,+88299+Leutkirch+im+Allg%C3%A4u/@47.8256076,10.0175197,881m/data=!3m1!1e3!4m5!3m4!1s0x479b90edcf130be1:0xb824ea384f6810d0!8m2!3d47.8258502!4d10.0178095?hl=de
    Und wenn wir schon beim Bewundern der Luftaufnahme sind, gleich ein paar Worte zu den Abstellmöglichleiten des Vehikels, sofern man nicht ohnehin umweltfreundlich und nachhaltig mit der mittlerweile elektrischen Eisenbahn angereist ist. Sogar der ICE München-Zürich bleibt hier kurz stehen, man glaubt es nicht. Gebührenfreie Parkplätze gibt es mit Glück auf dem Pendlerparkplatz der DB entlang der Geleise, ferner parkscheibenpflichtig (2 Stunden) bei Lidl und Euronics. Die rote Stecknadel zeigt auf den Eingang des Titellocation, die bis in die hinterste Ecke einschließlich Klo per Seniorenporsche befahrbar ist.

    Die Türen des Etablissemengs öffnen sich lichtschrankengesteuert pneumatisch in eine Schleuse, die einem fahrbaren Krankenhausbett Platz bietet, für klaustrophobische Panikanfälle besteht keine Notwendigkeit. Sehr wohl aber dafür, die klimatisierte und gefilterte Luft zugunsten der empfindlichen Klientel auf Reinraumniveau zu halten. Also bitte nicht direkt aus dem Schweinestall kommend hier auftauchen und therapiert werden wollen, das gehört sich einfach nicht.
    Nun war ich weder ein Dialyse- noch ein Apherese-Patient, ich hatte nur ein unübersehbares Weh und die Vermutung, dass die Verursacher versagende Nieren sein könnten. Damit war ich hier schon mal nicht ganz verkehrt. Als Neuzugang hat man Pflichten, unter anderem das Ausfüllen eines Fragebogens und das Erdulden einer peinlich genauen Untersuchung. Den Kummer mit dem Vampirismus der Mädels vom Doktor war ich schon gewöhnt, aber das mit der Abgabe von Pipi stellte mich vor ein im Moment unüberwindbares Problem: Ich musste nicht im Mindesten für kleine Königstiger.

    Die Bitte um einen Becher Kaffee als Treibmittel wurde zurückgewiesen: Nicht am späten Nachmittag. Aber die Schwester kredenzte mir einen Becher mit Rülpswasser aus einer Quelle, deren H2O mir schon in früheren Jahren beim Abtreiben von Nierensteinen behilflich gewesen war. Ich stürzte das Therapeutikum mit Todesverachtung hinunter und verordnete mir selbst etwas mehr Toleranz, denn im Allgemeinen pflege ich kalte mit CO2 kontaminierte Getränke im Sekundenbereich wieder von mir zu geben, ganz egal was es ist: Bier, Cola, oder sonstige Limonaden. So ist halt jedem das Seine. Im Gegenzug dazu trinke ich täglich über 2 Liter Kaffee und schlafe trotzdem wie ein kleiner Schreihals mit voller Windel.
    Damit war mir selbsttätig eine Wartezeit bis zum weiteren Procedere von mindestens einer halben Stunde verordnet. Diese verbrachte ich an der ungefilterten frischen Luft und gab mich spazierend dem Genuss eines der Nägel zu meinem zukünftigen Sarg hin. Dieser Selbstmordversuch dauert bei mir schon 52 Jahre ohne nennenswerten Erfolg. Aber irgendwie musste ich das Blut ja in Bewegung bringen, um die Dislokation o.a. Krawallwassers von der Kehle in die Blase zu gewährleisten.

    Nun, man kennt sich ja ein bisschen: Ziemlich pünktlich holte ich an der Rezeption meinen Pieselprobebecher ab und verschwand mal um die 5. Hausecke. Der Befund war im hauseigenen Labor in Minutenschnelle erstellt, ich wurde ins Allerheiligste geleitet und genötigt, Platz zu nehmen, die Frau Doktor würde gleich kommen.
    Das ‚gleich‘ entsprach dem Sinn des Begriffes: Kaum war die Schwester um die Ecke verschwunden, tauchte eine resolute Person auf, die von überschüssiger Energie nur so strotzen schien. UND ich hatte sie heute schon mal gesehen: Nämlich als ich am Tresen mit der Schwester verhandelte, stellte sie sich mit Höflichkeitsabstand dazu, musterte meine Krautstampfer, dann die absolut nicht dazu passende Gestalt und meinte: „Aha, ich seh schon…“ – WAS sah die Dame in Jeans und T-Shirt, die offenbar hier zuhause war (wohlgemerkt mit ohne die üblichen Insignien einer Medizinerin wie Stethoskop und weißem Mantel). Ich war nur wohlgelittener Gast, das sollte auch so bleiben, also hielt ich mich bedeckt und versuchte es mit einem zahnlosen Lächeln.

    Dennoch vergaß ich mich beinahe, als ebendiese Dame auf der anderen Seite des monumentalen Schreibtisches Platz nahm und die rhetorische Frage stellte: „Was führt Sie denn zu uns?“ – Teamgeist oder Pluralis majestaticus, was soll’s. Ich erzählte ihr, was sie NICHT bereits gesehen haben konnte, also von der Nassdaumen-Diagnose der altgedienten Helferin meines Leibarztes.
    Die Augenbrauen ruckten etwas nach oben, aber sie riss sich zusammen, nix Krähen Augen aushacken, kramte den noch druckfeuchten Laborbericht aus dem chaotisch scheinenden Haufen hervor, überflog ihn kurz und meinte: „Ihre Nieren sind vollkommen in Ordnung, alle Werte liegen in der Toleranz. Aber was ich vorhin gesehen habe, gefällt mir absolut nicht, also werden wir uns jetzt mal auf alternative Ursachen stürzen. Kommen Sie mal mit!“ – Sie ging vor mir her in eine Dunkelkammer, in der ich schemenhaft eine Stressliege und einen Klapparatismus erkennen konnte, den ich zuletzt im Kreißsaal anlässlich der Geburt meines Kindes gesehen hatte: Ein Echolot, eine Art Radar für Flüssigkeiten und u.U. auch Festkörper.
    Das nächste Kommando war schon etwas brisanter: „Ausziehen und hinlegen!“ – 14 Jahre verklemmte Erziehung taten nur kurz ihr Werk, zum Glück war es dunkel, so konnte die neugierige Frau Doktor meine ‚Tomate‘ nicht sehen. Dann hatte ich mich wieder im Griff und gehorchte.

    Nun zeigte sie, was sie WIRKLICH konnte: Sie scannte über 1 Stunde lang schweigend meinen Luxusbody vom Kinn bis zu den Zehenspitzen, hebelte dazu meine Gräten in die hierfür geeigneten Positionen, während sie mit der linken Hand wie eine Chefsekretärin auf der Tastatur rumhackte. Dann hieß es knapp: „Anziehen und in mein Büro, wir müssen reden!“ – Dort kriegte ich die Diagnose mündlich mit der Zusage, mir eine Kopie des Berichtes für den Hausarzt zukommen zu lassen. Meine Nieren seien in der Tat in Ordnung, aber die Blutversorgung der Beine liegt im Argen. DAS aber sei nicht ihr Spezialgebiet, aber in der Memminger Zentrale gibt es einen tüchtigen Kollegen, der hat das voll drauf. Ihm werde sie die erfassten Daten über die Leitung schicken und mir empfiehlt sie, mich baldmöglichst mit Memmingen in Verbindung zu setzen, bevor der Dachstuhl brennt. Schluck!!!

    Zuletzt kam das Sahnehäubchen von der fleißigen Doktorin: „Ihre Schilddrüse ist ein bisschen aus der Mitte, aber für einen Allgäuer recht gut in Schuss. Ich schreib Ihnen was auf, das tut nicht weh, hilft aber ihrer Schilddrüse gewaltig, sich auszubalancieren.“ – Seither inhaliere ich täglich 1000 Einheiten Vitamin D3. Diesen Mangel schiebe ich unerkannt seit meiner frühesten Kindheit vor mir her.
    Damals war ich als Folge der Reparationsleistungen an die französische Besatzung stark unterernährt und ständig am Rand von Rachitis, was für alle Kinder meines Heimatdorfes zutraf. Dieses rücksichtslose Ausbeuten des ‚besiegten Volkes‘ hörte erst 1955 mit dem Durchgreifen des Marshall-Planes auf. Ich erinnere mich noch an meine erste RICHTIG sättigende Mahlzeit: Es waren Tomatenspaghetti, die ich wenig später aus dem Fenster kotzte: Der Magen kannte solche Füllungen einfach nicht.

    geschrieben für:

    Dialyse / Fachärzte für Innere Medizin in Leutkirch im Allgäu

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    Ich bin seit gut 2 Jahren gezwungenermaßen Kunde oder besser gesagt Patient dieses medizinischen Fußpflegeinstitutes, schlicht und einfach deshalb, weil meine diabetisch angeschlagenen Beine unterhalb der Knie auf gar keinen Fall verletzt werden dürfen. Im schlimmsten Fall droht ansonsten Wund- oder auch Gasbrand, sprich: Das kaum noch durchblutete Fleisch weigert sich zu heilen und beginnt am lebendigen Leib zu verwesen. Eine hoch angesetzte Amputation der befallenen Extremität ist bis heute die einzige Überlebenschance.
    Lebenslange Erfahrung beweist, dass ein eigenhändiges Herumschnippeln an den Zehennägeln schon mal zu Bagatellverletzungen führen kann, bis vor 10 Jahren keine große Sache, die mir angeborene gut funktionierende Selbstheilung erledigte das in Stunden. Dies eigentlich immer noch überall am Körper, aber nach und mit langjähriger schwerer Diabetes nicht mehr an den Unterschenkeln und Füßen, siehe oben.

    Damit dürfte der persönliche Nutzen hinreichend belegt sein, nun aber Schluss mit den düsteren Prognosen, denn dem Eintreten dieses Horrorszenario weiß die Belegschaft der Titellocation kompetent und mit einem Lächeln vorzubeugen. Doch bevor ich jetzt über das Personal herfalle, zunächst einmal zu den harten Fakten, die die Geschichte zu einer Bewertung machen. Wie von mir schon gewohnt, zuallererst eine eindeutige Lokalisierung in GEO-Koordinaten, schmarotzt bei Google-Earth, die ein ggf. erforderliches Durchfragen in dem verkehrsberuhigten Straßennetz der Leutkircher Südoststadt erübrigt:
    https://www.google.de/maps/place/Gebhard-M%C3%BCller-Stra%C3%9Fe+2,+88299+Leutkirch+im+Allg%C3%A4u/@47.8218378,10.0270623,1344m/data=!3m1!1e3!4m5!3m4!1s0x479b908ade3f257f:0xbffa22f40bc6b4f9!8m2!3d47.81955!4d10.02779?hl=de
    Der Umgang mit diesem Link ist nicht schwierig: Man kopiere ihn in eine leere Browserzeile und schon erscheint eine Satellitenaufnahme von Leutkirch-Süd mit roter ‚Stecknadel‘ im Windfang der Titeladresse. Davon ausgehend kann sich jeder Interessent einen Routenplan basteln, zum Beispiel von der Ausfahrt ‚Leutkirch-West‘ der A96 quer durch die Stadt. Ihm passiert es nicht, wie bei meinem ersten Besuch, dass er von Ortsansässigen in das Dickicht von Einbahnstraßen und Fahrverboten dieses Schlafbezirkes der Metropole Leutkirch dirigiert wird. Ich kam mir vor wie in einem vertikalen Wohnsilo, wo keiner niemanden nicht kennt (Achtung: Diabologik, Vorzeichen setzen!).
    Aber vor EINER Vorgehensweise kann ich nur warnen: Versuchsweise ließ ich Maps die Verbindung zwischen ‚Haid‘ (nahe der BAB-Ausfahrt) und der Zieladresse routen. Umgehend wurde auf eine Ansicht des gesamten Westallgäu heruntergezoomt und diese mit zig blauen Linien gefüllt. Die einzige Route, die NICHT dabei war, ist die nach meiner Insidererfahrung zwar nicht kürzeste und vielleicht auch nicht die schnellste, aber mit Sicherheit die nervenschonendste: Nur 3 Ampeln und nur 1 x ungeregelt links abbiegen mit Rechtsvorrang. Ich hasse das schon seit ich den Führerschein habe, also 52 Jahre.
    Übrigens, die Gesamtansicht des Eingangsbereiches ist nicht etwa aus Google-StreetView gemopst, das Foto ist selbstgestrickt, die Urheberrechte sind bei mir und werden unentgeltlich höchstens an die Hauseigentümerin und Inhaberin des Bewertungsobjektes abgetreten.

    Mindestvorraussetzung für eine abrasive Behandlung der Gehwerkzeuge ist ein vereinbarter Termin. Eine ‚Neukundendiskriminierung‘ wie bei vielen Fachärzten gibt es nicht, die Wartezeit beträgt höchstens mal 10 Tage, ein Beweis dafür, dass die 3 Ladies recht gut ausgelastet sind. Trotz des straffen Terminplanes wird nicht gehudelt, Sorgfalt und Nachhaltigkeit des Ergebnisses stehen unsichtbar auf dem Firmenschild. Wenn man pünktlich ist, wozu dringend geraten wird, und mal wie ich heute 20 Minuten warten muss, dann ist irgendetwas irgendwann im Vorfeld dumm gelaufen, davon darf man ruhig ausgehen. Zumal wenn die überwiegende Erfahrung ist, NICHT im gemütlichen Wartezimmer mit Ledersofa, -sessel (leider ohne Ohren), und modernen bequemen Lehnstühlen Platz nehmen zu dürfen. Auf dem niedrigen Couchtisch in der Mitte liegen aktuelle Ausgaben von ein paar der anspruchsvolleren Illustrierten, z.B. Spiegel, Woman, Metropolitan etc., von denen, wenn überhaupt, nur die ersten 5 Blätter Gebrauchsspuren aufweisen. Das ist wohl das deutlichste Anzeichen dafür, dass es hier in der Regel gar nicht erst zu nennenswerten Wartezeiten kommt. UND auch, dass ich bei nur EINEM der bisher 24 Besuche meine Kalesche in der Pampa abstellen musste, weil die 4 als institutseigen ausgeschilderten Parkplätze am Haus alle belegt waren.

    Es gibt keinen ‚Zerberus‘ oder ‚Wachdrachen‘ an der Rezeption, diesen Kram erledigen die Aktivposten des Firmenbruttosozialproduktes höchstselbst, womit nicht gesagt ist, dass die Empfangsdame dann auch die Foltermagd ist. Diese Wortwahl ist beileibe keine Abwertung oder neumodisch auch Diskriminierung genannt: Der Job der Ladies ist es, die Füße GRÜNDLICH zu behandeln, wozu auch das Abfräsen der Hornwülste an den Sohlenrändern gehört. ICH persönlich gehöre zu den Menschen, die dieses Kitzeln der Fußsohlen als Folter empfinden, wenn auch in erster Linie für das Zwerchfell, weil ich mich bemühe, niemanden außerhalb des Raumes durch mein Gequietsche und Gekicher zu beunruhigen. Es reicht, wenn die Therapeutin das Sprunggelenk des malträtierten Fußes in Eisen legt oder wie auch immer man den hydraulischen Greifer, der einer zarten Hand so täuschend ähnlich sieht, nennen mag.

    Nun sind wir unversehens in eines der 4 Herzen des Betriebes vorgedrungen, das einer modernen Zahnarztpraxis nachempfunden ist. Das bezieht sich in erster Linie auf die Werkzeugausrüstung und deren Antriebe. Die Handwerkzeuge sind in der Tat chirurgisches Besteck und die rotierenden Werkzeuge findet man auch im Sortiment der Fa. Dremel, die wohl jeder zumindest von der Werbung kennt. Lediglich die 2 Antriebe sind etwas stromlinienförmiger, denn hier gibt es zwischen stufenlos regelbaren 3000 Uml/min und den kaum noch bändigbaren 400 000 Uml/min des Turbofräsers keine Zwischenstufe. Der Zahnarzt benützt diese jaulende Minihöllenmaschine zum ruck-, schmerz- und hitzearmen Bearbeiten von Zahnschmelz, wofür ein Podologe sowas tatsächlich benötigt, habe ich bisher noch nicht hinterfragt. Ich kenne allerdings auch bei weitem nicht das gesamte Spektrum der Therapiemethoden, möglicherweise gehört das vorübergehende Eingießen von Patientenfüßen in wasserdichte Glasbetonschuhe dazu. Aber das ist pure Spekulation. Außerdem wäre hierzu ein Taschendruckluftmeißel, wie ihn ein mir bekannter Paläontologe zum behutsamen Freilegen versteinerter Knochen benützt, das geeignetere Werkzeug. Es gab auch kleine Dinos.

    Beim Platznehmen im komfortablen Ledersessel erübrigt sich zunächst das Zurechtruckeln des Gesäßes in eine entspannte Sitzposition, denn direkt neben der Sitzfläche wird das Bad bereitet, die abschrankende Armlehne hochgeklappt und die Füße per Drehung o.a. Gesäßes in die warme Speziallauge komplimentiert. Das ist kein hintergründiger Zweifel an der Reinlichkeit des Kunden und auch kein Wiederbeleben eines antiquierten religiösen Rituals: Das etwa 5-minütige Fußbad dient zum Aufweichen der Verhornungen an Ferse und Ballen, damit sie leichter abgetragen werden können. Außerdem sind die Nagelbetten leichter zu reinigen, wenn die nun weiche Haut dem Handwerkzeug ausweicht und die Ansammlungen von 4 Wochen Leben auf großem Fuß in den Hautfalten zur Beseitigung freigibt. Hat man bis hier durchgehalten, ohne an der eigenen Zunge zu ersticken, wird nun o.a. ‚Folter‘ in Angriff genommen.

    Die sehr dezente Geräuschentwicklung der Maschinerie, immerhin ein Kompressor und der Antrieb der biegsamen Welle für den Kitzelfräser, fordert einen verbalen Austausch geradezu heraus, siehe auch Frisiersalon, Damenabteilung. Da ich mangels Kenntnis der Insiderinfos von Leutkirch ein denkbar ungeeigneter Diskussionspartner für die örtlichen Skandälchen bin, erzählt man sich halt die Story vom Pferd oder was auch immer. So kommt während 24 Sitzungen à 20 Minuten so einiges an Kleinkram zusammen, was fortwährend gepuzzelt unsere Republik ganz schön schrumpfen lässt, selbst wenn man Berlin und die dortigen Ereignisse außen vor lässt. Das Erstaunlichste war, dass die Gründerin des Institutes als junge Frau von der Waterkant zunächst ins Herz der Nordalpen, ins Oberallgäu, gefunden hat, ohne bleibenden seelischen Schaden zu nehmen. Aber die dort naturgegebene Einschränkung der Horizontalen zugunsten der Vertikalen war dann wohl doch zu weit vom Gewohnten entfernt, die Hügel des Unterallgäu lockerten die Beklemmung, man ließ sich immobil nieder. Ich kenne das von mir selbst im umgekehrten Sinn und so fing ich mir während meiner 6 Berliner Jahre eine Flachlandpsychose ein die mir eine Visite in München bereits nach ein paar Stunden unerträglich macht.
    SEHR angenehm ist auch, dass die designierte Juniorchefin, weil Tochter des Hauses, die es vorzieht, mit Mundschutz zu arbeiten, diesen in Rücksichtnahme auf meine Hörbehinderung kurz beiseite zieht, wenn sie mich anspricht, damit ich ihre Lippen lesen kann. Und dies, obwohl ich diese schon vor langer Zeit bekanntgemacht habe. So viel Verständnis ist wirklich höchst selten. Die meisten Zeitgenossen, die ich bitte, betont langsam zu sprechen und mir dabei in die Augen zu sehen, beginnen zu schreien, was überhaupt nichts bringt: Ich höre es nur als Lärm, verstehe aber kein Wort.

    Apropos Mundschutz: Was Hygiene angeht, kann sich dieses Pflegeinstitut für die Füße mit jeder Zahnarztpraxis messen: JEDES einmal verwendete Instrument, ob Hand- oder rotierendes Werkzeug, wird in einem Autoklaven sterilisiert und gleich anschließend in eine dafür vorgesehene keimfreie Tüte mit Sichtfenster eingeschweißt. Nach der ‚Exekution‘ wird die angenehm klimatisierte Folterkammer sorgsam gereinigt, der glatte Boden feucht gemoppt und der Stuhl steril abgewischt. Es fielen ja immerhin Nagelsplitter an, o.a. Dreckansammlungen und zumindest in meinem Fall Unmengen von Kühlwasser für die Kitzelmaschine, damit es nicht gar so schlimm wird. Ist alles überstanden, werden die mal-… ääääh …BONträtierten Füße mit diversen Salben und Ölen getröstet, man selbst angestrahlt und die Luft aus dem Sessel gelassen, damit man ohne ‚Seil und Hacken‘ wieder den sicheren Boden erreicht. Wer nicht notorischer Sandalenläufer ist wie ich, kriegt sogar die Socken und Schuhe angezogen.
    Auf diesen geht es dann wieder zur Rezeption, den Obolus zu entrichten bzw. seiner Krankenkasse zu bescheinigen, dass alle Zehen wieder an ihrem von der Natur vorgesehenen Platz sind und auch deren Anzahl die gleiche ist wie vor der Prozedur. Da das Ziel der abrasiven Therapie nur vorübergehend ein Status quo ist und die Natur sich bereits drangemacht hat, die geschnittenen, gefrästen und geschliffenen Lücken wieder aufzufüllen, wird nun zäh über einen Termin zwecks Wiederholung der Prozedur verhandelt. Zäh deshalb, weil die Flexibilität des Institutes oft nur schwerfällig mit der volkseigenen Sturheit der Patienten in Koinzidenz zu bringen ist. Damit nehme ich mich selbst nicht aus: Ich lebe nun mal nicht in Spaziergangsentfernung, sondern weit draußen auf der grünen Wiese am Waldrand. Wenn mir unsere unteilbare Pferdeherde nicht zur Verfügung steht, warum auch immer, wäre ich theoretisch gehalten, die 15,7 km per Pedes zurückzulegen, das laut G-Maps etwas mehr als 3 Stunden in Anspruch nimmt, und das gleich 2 Mal ohne Übernachtung. Das weiß ich mir tunlichst zu verkneifen.

    Bis hierher sind es sachdienliche Informationen, die zu den von mir erteilten 5 Sternen führen, ab jetzt ist das ‚Herzchen‘ dran, also der Grund, was mir an dieser Adresse ganz besondere Freude bereitet und der Location einen Bonus einräumt:
    Leser, die mich schon kennen, wissen, dass ich mein Leben schon seit gut 60 Jahren den Miezekatzen dieser Welt verpfändet habe, unabhängig von Größe und Kampfgewicht, Dies vorzugsweise den nicht überzüchteten Promenadenmischungen. Denn diese ‚Wildkatzen‘ sind von Natur aus robust und gesund, insbesondere wenn sie ‚Freigänger‘ sind, sich also Domizil und Sklaven aus eigenem Willen halten. Die älteste Lady, die erst zur Ruhe gefunden hat, nachdem sie mir ihren letzten Wurf brachte, ist verbriefte 26 Jahre alt und kerngesund.
    Über die Rollenverteilung in einem Haushalt mit auch nur EINER Katze habe ich andernorts bereits hinreichend debattiert.
    In DIESEM Haus lebt eine ganze Familie von dieser Sorte Pelze: Eine etwas schüchterne Mama und ihre 2 halbwüchsigen Kinderchen. Der sehr zierliche Papa sieht einem ‚Russisch Blau‘ täuschend ähnlich, ist aber laut oberster Sklavin ein ganz normaler Kater ohne ‚von‘ und passender Heraldik. Sonst dürfte er womöglich auch nicht frei rumlaufen. Er ist mir gegenüber ein bisschen ängstlich, aber das gibt sich vielleicht noch im Lauf der Zeit. Die beiden Halbstarken sind vorgeprescht und haben zunächst meine Eignung als Türöffner getestet. Da das nicht immer so prompt klappt wie gewünscht, haben wir ein bisschen geübt und nun lässt man sich per ‚Hihebe‘ (= Darbieten besonders sensibler Stellen wie Schläfen, Kehle etc.) zum Gekraultwerden über die Wartezeit hinwegtrösten.
    Eines Tages kam es zu einer ‚Begegnung der 3. Art‘, aber nach näherem Betrachten nicht mit einem Alien sondern einem Exemplar einer eigentlich auch recht weit verbreiteten Art Hausgenosse: Einer der o.a. Jungrabauken aalte sich auf dem Telefonverteiler (Bild) in der Nachmittagssonne und ließ sich gnädig von mir den Bauch kraulen, da kam von etwas abseits ein dumpfer Laut, der mir entfernt bekannt vorkam. Etwas undeutlich, weil durch die Latten des Gartentürchens aufgepixelt, war ein riesiges nachtschwarzes Etwas ohne kontrastierende Details zu erkennen, wie es bei schwarzen Gegenständen im Gegenlicht zu sein pflegt. Aber der Umriss in Verbindung mit dem Laut reichte, um den Groschen zur Landung ansetzen zu lassen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Wauwau handelte, näherte sich asymptotisch 100%, fragen konnte nicht schaden: „Ja hallo, wer bist DU denn?“ – Prompt erschien im oberen Drittel der schwarzen Kontur ein großer rosiger Fleck und wurde von mir als hechelnde Zunge identifiziert: DA war er also, der Zerberus, im Garten des Anwesens an seinem eigentlichen Job gehindert, nämlich das Grundstück zu bewachen und zu verteidigen. Oder hatte er das etwa nie gelernt, wie das geht?
    Meine behutsame Annäherung an den Zaun zwecks Vollzug des Begrüßungsrituals für Vierbeiner quittierte er leider mit einem schüchtern wirkendem Rückzug, allerdings immer wieder nach hinten sichernd, ob ich ihm ja nicht etwa folge (Foto). Oh weh, da hat jemand Minderwertigkeitskomplexe und ist sich seiner Kampfkraft nicht bewusst, eigentlich fast schade, denn allein schon die moralische Wirkung der Optik dürfte die meisten Spitzbuben zum Rückzug bewegen.
    Mein ehemaliger Glücksgriff im Lindauer Tierheim, ein nach bayerischer Gesetzgebung zum Tod verurteilter Kampfhund per Maß und Gewicht, dem ich durch den Export nach Württemberg das Leben rettete, war geschulter Wach- und Personenschutzhund. Mein Sohn und auch ich hatten leider Gelegenheit, diese Eigenschaft von ‚Loulou‘ kennen zu lernen, als wir zeitversetzt aber von der gleichen Person tätlich angegriffen wurden. Beide Male kam der Täter nur knapp mit dem Leben davon: Loulou kämpfte für uns von sich aus wie seine Urahnen, nämlich wie ein Wolf, also mit Sprung an die Gurgel des Angreifers, um sie herauszureißen
    Aber der Chef der Ravensburger Hundestaffel, der Loulou daraufhin das Charakterbild abnahm, bescheinigte ihm die Aggressivität eines Plüschtieres, wir durften den ‚Kampfhund‘, der nur seine Pflicht getan hatte, behalten und der Petzer in Personalunion mit dem verunglückten Angreifer musste den Einsatz des Hauptkommissars bezahlen. So viel zum Nutzwert eines GROSSEN Wauwaus mit furchterregender Optik für ein ggf. bedrohtes Heim bzw. die Person des von ihm anerkannten Leitwolfes und Rudelführers.

    Dass ich mich von Termin zu Termin auf den Besuch dieser Location freue, muss ich abschließend wohl nicht extra betonen, oder?

    geschrieben für:

    Fußpflege, kosmetische / Medizinische Fußpflege in Leutkirch im Allgäu

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    9.

    Ausgeblendete 19 Kommentare anzeigen
    demayemi ges. geschützt Danke für die Glückwünsche und bitte höchstens vorsichtigen Optimismus. Diese Bewertung war die GUTE Nachricht. An der schlechten dichte ich bereits.

    Malli, interessieren Dich nur die Fakten, dann schalte ich Dich auf meine Wetterstation auf, das geht jetzt. Oder ist es Dir etwa um mein Geblödel? DAS könnt Ihr Berliner doch viel besser, ich hab es doch am Wedding gelernt :)
    Tikae Optimismus kann man nicht genug verschenken !
    Und joooo, ich weiß, ich bleibe in Erinnerung ....:-D
    Sedina Glückwunsch zum Grünen Daumen auch von mir, auch wenn ich gestehe, dass mich die epische Breite etwas anstrengt.
    Auch ich würde mich freuen, wenn Du mal wieder in den Wetterthread einschweben würdest!
    demayemi ges. geschützt Dieser Roman wurde der Belegschaft der Location zum Absegnen vorgelegt. Auch die Inhaberin quietschte vor Vergnügen: "Genau SO und nicht anders. Köstliche Werbung..."
    Ein golocal Nutzer Aber das grüne Schillerding, habe ich bei dieser Länge glatt übersehen. Nachträglich Glückwunsch dazu!
    Konzentrat Löschungen haben den Vorteil, dass stehen gebliebene Texte nun spät, aber nicht zu spät gelesen werden.
    Glückwunsch zum Daumen noch :-)
    Konzentrat Inzwischen Bewertung und Daumen weg.
    Wen interessierts ?
    Schade, Golocal fördert die Vergänglichkeit.
    Obwohl...in diesem Falle ist es ja der User selbst.
    FalkdS Konzentrat, UND getrieben von anderen Usern und golocal, so hab ich jedenfalls die Geschichte von „demayemi ges. geschützt“ in Erinnerung....


  10. Userbewertung: 5 von 5 Sternen

    1. Bewertung


    bestätigt durch Community

    Schon mal vorab: Das Herzchen kriegt nicht die Arena sondern das dort erlebte Event. Aber erstmal die Pflicht:
    Zunächst wie schon erprobt und geübt die Projektion der Lage im Universum inklusive Anfahrtsweg ab Autobahnkreuz Ulm-Elchingen, wo alle Himmelsrichtungen zusammenkommen:

    https://www.google.de/maps/dir/48.4653871,10.1154444/48.3780088,10.0012677/@48.3742647,10.0025928,836a,35y,39.12t/data=!3m1!1e3!4m2!4m1!3e0?hl=de&authuser=0

    Zur Erläuterung der 3D-Projektion: Der blaue Anfahrtsweg zeigt NICHT den kostenpflichtigen Parkplatz der Arena (im Bild der große Kiesplatz westlich davon), denn die Gebühr ist im Voraus zu entrichten, was natürlich zum Rückstau in der Einfahrt bis hinaus in den Fließverkehr führt. Ich zog es vor, nicht der Herde zu folgen und suchte mir einen eigenen Platz im Wohnbereich südlich der Sportplätze, der gebührenfrei in ausreichender Menge zur Verfügung steht und freundlicherweise als P3 und P4 der Arena ausgewiesen ist. Siehe auch 'Stecknadel'

    Nach einem Fußweg von etwa 10 Minuten Dauer waren wir am Eingangstor zum SEHR großzügigen Foyer, das gerade aufgeschlossen wurde. Die Abfertigung durch die 4 Billetto-Kontrollettis (hauseigene schwarze Sheriffs) war so zügig, dass die vierreihige Warteschlange von fast 100 m Länge in wenigen Minuten 'verdrückt' war. Während ich den ‚Lindwurm‘, der beharrlich auf die Mündung seiner ‚Höhle‘ zukroch, zuritt, konnte ich durch die gebäudebreite Glaswand bereits das Innere des Foyers betrachten und die nähere Zukunft, nämlich das Stillen meines Hungers planen. Denn an der Rückwand der Halle öffneten sich gerade die Durchreichen für Speis und Trank, und zwar auch diese in Dimensionen, dass auch Andrang größeren Ausmaßes schnell mit Futter der eher schlichten Art und Getränken versorgt werden konnte. Mit ‚schlicht‘ meine ich, dass Currywurst mit Pommes und Ketchup in der berühmten Pappschale mit hölzernem Minigäbelchen das Topgedeck der lokalen Cuisine ist. Aber wenn man damit in der Hand einen Platz an einem der Stehtische ergattert hat, treibt’s der Hunger dann doch rein.
    Doch so groß dieser auch sein mag, ganz so einfach kommt man nicht an die begehrte Stillung desselben wie an einem Würschtlstand auf dem Wochenmarkt: Zunächst ist man gehalten, entweder an einem der einschlägigen Automaten oder von einem der allgegenwärtigen unübersehbaren ‚Sheriffs‘ eine Wertkarte in genormter Größe gegen Bares zu erstehen, erst dann kann man sich an den Konsum heranmachen. Der Vorteil liegt auf der Hand: Hygiene am Futtertrog und Beschleunigung des Service dortselbst. Ist die Veranstaltung zum Ende gekommen und auf der Karte ist noch Restvermögen, kann man dieses spenden oder an einer Art Bankschalter wiederum gegen Bares einlösen, gebührenfrei selbstverständlich.

    In die obere Etage und damit zu den vielen Eingängen in die Arena selbst gelangt man über 2 Freitreppen plus 2 rollstuhlgeeignete Aufzüge. Da der eigene Platz auf dem Ticket ausgewiesen ist, tut man gut daran, sich an die Wegweiser zu halten, die allerdings erheblich logischer und übersichtlicher angeordnet sind als zum Beispiel im Hamburger Hauptbahnhof. Dort bin ich nämlich 6 Wochen zuvor schier verzweifelt, ich fand die Zuggarnitur der königlich dänischen Reichsbahn nicht, die mich nach Oldenburg bringen sollte.
    Der geschätzte Leser, der mich kennt und weiß, dass ich in der Jugend Alpinist und später Drachenflieger war, wird mir nicht glauben, dass ich alles andere als schwindelfrei bin. Aber diese beiden Hobbies eignen sich hervorragend zum therapieren dieser Psychose, und zwar ohne einem Klempner Unsummen zu bezahlen, der einem dann doch nicht helfen kann. Aber als ich dann auf der Plattform des für mich zuständigen Einganges in die Arena stand, packte mich für Sekunden wieder dieser Alptraum, bis mich der trainierte Verstand wieder im Griff hatte. Die ‚Bowl‘ der Arena hat einen Neigungswinkel von 100% (45°), vor mir erstreckte sich eine eigentlich ganz normale Treppe nach unten ins ‚Unendliche‘ und kein ‚Siemens’scher Lufthaken‘ hielt mich fest oder versprach es wenigstens.
    Dass es dem Veranstalter der Show, die zu genießen ich gekommen war, gefiel, die Kulisse und den Boden der Arena, also die Bühne, mit kaltem Rauch einzunebeln, um das Publikum schon mal ein bisschen einzustimmen, war kaum geeignet, die vorübergehende Panik zu beruhigen. Damit kommen wir schon langsam zum versprochenen ‚Herzchen‘, nämlich einem zumindest für mich willkommenen Kunstgenuss: 3 Stunden schottische Volks- und Militärmusik, dargeboten von den ‚Pipes and Drums of Scotland‘. Als noch nie erlebte Besonderheit gab es eine musikalische Kooperation mit einer Rockgruppe aus Edinburgh und noch ein paar Kinkerlitzchen, die eine solche Show zum Erlebnis machen.

    Um mir blutende Finger zu ersparen, indem ich Werbung für eine Veranstaltung mache, die in der Vergangenheit stattfand, hier ein Link zum offiziellen Flyer, in dem etwas pathetisch beschrieben ist, was den Zuschauer erwartet: https://www.ulmtickets.de/produkte/974-tickets-the-scottish-music-parade-ratiopharm-arena-neu-ulm-am-15-11-2017
    Und da ich wie immer in solchen Fällen keine Kamera dabei hatte, hier ein Link zu einer Fotostrecke, die mehr oder weniger das zeigt, was ich auch selbst zu Gesicht bekommen habe: https://www.google.com/search?q=the+scottish+music+parade&tbm=isch&source=iu&ictx=1&fir=F2UP4r_gMBGWdM%253A%252CaUWcizzRVLicpM%252C_&vet=1&usg=AI4_-kT6IOfvPf07eBnoBC3kTLhaMBP7CQ&sa=X&ved=2ahUKEwjczIzA2_PgAhXR1qQKHWU8DYsQ9QEwEXoECAQQBA#imgrc=scmCX35JyFOEjM:&vet=1

    Das war die Pflicht B, nun zu den kleinen Anekdötchen, die aufgrund von Eigenerleben im Gedächtnis haften bleiben:

    Das geht schon mal los mit der geschwindelten Broschüre: Der stattliche Herr mit dem Winkeprügel ist nicht der Frontmann der Truppe, aber er macht halt was her, deshalb hat man ihn fürs Foto dort postiert. In Wahrheit ist er eine wertvolle Arbeitskraft als Pfeifer, während der eigentliche Tambourmajor in der Regel ein Trommel-Azubi ist und in der Ratiopharm-Arena auch war: Ein pickeliger Jüngling von höchstens 20 Jahren. Winken ist keine große Kunst, der Crashkurs dauert höchstens 1 Tag.

    Schon während des Mampfens meiner Atzung musterte ich das sich stetig verdichtende Personal in der Aula und mit dem lebenslang geschulten Blick des alten Schwerenöters für die holde Weiblichkeit fiel mir bald auf, dass gleichmäßig in der Halle verteilt ‚Schulmädchen‘ flanierten, klassisch uniformiert mit Schottenröckchen und Kniestrümpfen. Nanu, warum pressten die ihre Mappen so schüchtern an ihre Knospen und guckten ängstlich aus der Wäsche? Als eine von ihnen in meine Nähe kam, stellte sich das Schulmädchen als doch etwas zu reif fürs Lyzeum heraus und die ‚Hefte‘ als Programme, Broschüren und Tonträger. Aber irgendwie sahen die alle gleich aus, da musste also irgendwo ein Nest sein.
    Jetzt schlug der frei fallende Groschen mit einem Knall am Büchsenboden auf: Groupies der Showtruppe und ängstlich, weil sie sich im feindlichen Ausland befanden und nicht angesprochen werden wollten, zumindest nicht auf Deutsch. Aber dieser Irrtum hatte die gleiche Größenordnung wie das ‚Schulmädchen‘: Die etwas überschminkten ältlichen Mädchen stellten sich später als Aktivposten der Show heraus, nämlich als Tanzmäuschen, die Beinfreiheit brauchten, deshalb die kurzen Faltenröckchen. Wobei ich nicht ausschließen will, dass die zweite Vermutung nicht auch zutreffen könnte, denn sie waren alles andere als unscheinbar.

    Ein dröhnender Gong rief ‚zu Tisch‘, die Menge geriet in Bewegung, sorgfältig aufgeteilt auf die 2 Freitreppen, die Wegweiser zeigten Wirkung. Auch ich fand meinen Eingang in die Arena ohne Probleme und nach Überwinden der Panik auf dem Treppenabsatz auch zielsicher auf meinen Klappsitz. Von dort aus bewunderte ich nochmal das Vertrauen des Architekten in die Standfestigkeit des unbedarften Publikums: Die Sitzreihen waren nach unten zwar durch ein stabiles Geländer gesichert, aber dieses befand sich in Kniehöhe eines Erwachsenen. Wenn man da also dumm darüber stolpert oder gar geschubst wird, warum auch immer, kommt der nächste etwas fragwürdige Halt erst gut 1 Meter tiefer, was für gebrochene Knochen allemal reicht.

    Der Gong dröhnte erneut und ganz langsam wurde die Beleuchtung für die Ränge gedimmt, und zwar so genial gegensynchron zur hochfahrenden Kulissenbeleuchtung, dass verborgen blieb, wie sich ein Pfeifer in der Dämmerung durch den Nebel in die Mitte der Arena schlich und dort ganz verhalten einsam zu dudeln begann, als spielte er nur für sich selbst: Die Show konnte beginnen.
    Diese war sehr abwechslungsreich, ein Highlight folgte dem anderen, es würde den Rahmen bei Weitem sprengen, wollte ich sie alle aufzählen oder gar beschreiben. Ich stelle anheim, sich die erwähnte Fotostrecke mal anzusehen oder sich den Videomitschnitt der Show nur 10 Tage später in Jena reinzuziehen, der so ziemlich alle Höhepunkte enthält: https://www.youtube.com/watch?v=kM3RtdWVzUw

    In der Pause suchte ich den Pipe Major, vielleicht ließ er sich ein bisschen angraben, wie immer hatte ich 1000 Fragen. Er war nicht schwer zu finden, ich brauchte nur dem einsamen Gedudel im Foyer folgen, wo er musikalisch auf den Tresen aufmerksam machte, über den ein schwunghafter Andenkenhandel ablief. Der Mann war ein Hüne, mindestens 2 m groß und über 1 m breit ohne deshalb fett zu sein. Da ich der einzige Zuhörer war, der andächtig lauschte, grinste er mich an und spuckte das Blasrohr aus. Ich eröffnete: „Sprechen Sie Deutsch?“ – „No no!“ – „English“ – „A very little bit…“ – „Me too, also let’s go! Are you completely dressed?“
    Diese etwas irritierende Frage stelle ich jedem Dudelsackspieler, der mir vor die vorlaute Klappe kommt: „Sind Sie vollständig bekleidet?“ – „Ich denke schon, oder vermissen Sie etwas? Also meine Unterwäsche ist ein Staatsgeheimnis, die verrate ich nicht.“ – „Die interessiert mich auch gar nicht, Sie sind ja kein Mädchen…“ (Sprachgebrauch: „You are not a chick.“) – „Eigentlich nicht, ho-ho…Also was dann?“ – „Wo ist Ihr Kampfmesser, ich kann es nicht sehen?“ –
    Zur Erklärung: Zu jeder schottischen Kampfeinheit gehören 3 Pfeifer, die mangels Waffe recht wehrlos sind, denkt der böse Angreifer vielleicht. Aber der Musiker hat zur Selbstverteidigung ein Kampfmesser im Stiefel stecken, in dessen Gebrauch er bestens geschult ist, sowohl was Wurf als auch Nahkampf anbelangt.
    Der Mann langte eine Etage tiefer und zog ein Spielzeugmesserchen aus dem karierten Wadenschoner – „Das glaub ich jetzt aber nicht, dass Sie damit in den Krieg ziehen wollen.“ – „Das habe ich ganz bestimmt nicht vor, auch wenn ich in der Tat Reservist bin. Aber wir müssen die Waffengesetze jedes Gastlandes respektieren, und die von Deutschland sind ganz besonders scharf.“
    So hatten wir beide Kurzweil, das ‚very little bit‘ stellte sich auf beiden Seiten als nicht gerade sehr ‚little‘ heraus, auch wenn sein English etwas rau klang. Aber wer weiß, wie mein ‚Cockney‘ bei ihm ankam. Wie immer lernte ich auch diesmal etwas dazu: Ein Dudelsackpfeifer verwendet generell Gehörschutz, der ist Bestandteil seiner Uniform. An einer unauffälligen schwarzen Schnur hängt eine Elfenbeinkugel, die er sich ins linke Ohr steckt, bevor er zu spielen beginnt. Die 3 Basspfeifen in unmittelbarer Nähe würden sonst mit ihrem immensen Schalldruck sein Gehör in sehr kurzer Zeit vernichten.
    Alles in Allem würde ich meinen, die 52 Steine für den unterhaltsamen Abend waren eine recht gute Investition und wenn die Leute mal wieder in die Region südlich der Mainlinie kommen, bin ich dabei und der nette Pipe Major hoffentlich auch.

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    Sportanlagen / Veranstaltungsräume in Neu-Ulm

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    demayemi ges. geschützt Herzlichen Dank, liebe Freunde meines Geschwafels, für Eure Likes, die Kommentare und nicht zuletzt den GD.

    Wie versprochen ist nun die Geschichte fertig erzählt, nicht ganz in gewohnter Länge, aber vielleicht hat jemand eine Idee, wie man sie noch ein bisschen aufbohren könnte. Stoff wäre genug vorhanden. ;-)
    FalkdS Hat mir gefallen das zu lesen.
    Daumenglückwunsch aus Oberhavel